Gender und kein Ende – gut so!

15 Bewertungen

Wenn Sie in Wikipedia nach „Deutsche Nationalhymne“ suchen, erscheint unter Punkt 7.3 die Zwischenüberschrift „Geschlechterneutralität“ und dann folgender Hinweis: „Im März 2018 schlug die Gleichstellungsbeauftragte im Bundesfamilienministerium1, Kristin Rose-Möhring, vor, den Text der Nationalhymne geschlechtsneutral umzuformulieren. So sollte Vaterland gegen Heimatland sowie brüderlich gegen couragiert ausgetauscht werden. Als Vorbild dienten die geschlechtsneutralen Anpassungen der österreichischen Bundeshymne 2011 und der Nationalhymne Kanadas 2018. Die öffentlichen Reaktionen darauf reichten von verhaltener Zustimmung bis hin zu empörter Ablehnung.2

Liebe Leserin, liebe Leser,

„empörte Ablehnung“ trifft die Negativreaktionen genau. Wie üblich bei solchen Meldungen – der interne Text zum Internationalen Frauentag war von unbekannt an die Presse gegeben worden – überschlugen sich einige G/Eiferer (überwiegend Männer) mit Kommentaren; sie reichten von allgemeiner Genderkritik über das angebliche Verschandeln der Sprache bis hin zum Vorwurf des versuchten Anschlags auf die Geschichte, des verfassungswidrigen Bildersturms, der Missachtung der Symbole der Nation und der verfassungsfeindlichen Gesinnung. Das nennt „man“ dann wohl Meinungsfreiheit, die sie gemäß Artikel 5 Grundgesetz für sich in Anspruch nahmen, mir aber nicht zubilligen wollten.

Aber das alles ist inzwischen Geschichte.3

Was die übereifrigen G/Eiferer aber sicher nicht wussten: Selbst der erste Bundespräsident Theodor Heuss hatte 1949 bis 1952 versucht, das „Lied der Deutschen“ als Nationalhymne der neugegründeten Bundesrepublik zu verhindern, da er es als durch das Dritte Reich historisch belastet und für die neue Demokratie nicht tragbar ansah4.

Was Wikipedia mit „verhaltener Zustimmung“ nicht wiedergibt und auch nicht wissen kann: Ich bekam zahllose unterstützende Briefe und Zusendungen – vielfach, aber nicht nur – von Frauen, vor allem älteren Frauen, die gute Gedanken entwickelten, Text- und Wortvorschläge machten und auch auf ihre nicht anerkannten Leistungen in der Vergangenheit hinwiesen. Ihre eigenen Beiträge setzten sich mit dem Lied der Deutschen, der Europahymne und anderen bekannten und sehr männlich geprägten Texten auseinander.

Überhaupt setzte die erste Pressemeldung vom 4. März 2018 eine Menge wunderbarer Kreativität frei. Mich erreichte zum Beispiel eine „geheime 4. Strophe“:

Heiterkeit, Respekt und Liebe,
überall in jedem Land.
Ja, das lasst uns alle kleben
schwesterlich, an jede Wand.
Heiterkeit, Respekt und Liebe
sind des Glückes Unterpfand.
Blüh im Glanze dieser Liebe,
blühe, Mutter Erdenland
.“

Eine weitere gut-gegenderte Version fand ich Anfang März 2018 auf der Meinungsseite der Süddeutschen Zeitung:

Einigkeit und Recht und Freiheit
schufen unser deutsches Land.
Danach lasst uns weiter streben,
Frau und Mann mit Herz und Hand
“.

Bereits 1912 hatte die erste promovierte deutsche Juristin Anita Augspurg eine eigene Fassung, die „Nationalhymne der Frauen“5 mit sechs Strophen gedichtet, die wir mit Blick auf den damaligen Kampf um Gleichstellungberechtigung und das Wahlrecht für Frauen lesen müssen. Die beiden letzten Strophen lauten:

„Deutschland, Deutschland über alles,
Wenn es wie in alter Zeit
Seinen Frau’n im Volkesrate
Sitz und Recht und Gleichheit beut6.

Nur ein Land, das seine Frauen
Frei und gleich und würdig stellt,
Nur ein solches Land strebt aufwärts,
Steht voran in aller Welt!“

Eine norddeutsche Dichterin sandte mir einen Textband zu, in dem sie u.a. die Europahymne „Ode an die Freude“ weiblich umgeschrieben hatte und im Geiste von Hedwig Dohms „Mehr Mut, ihr Frauen“[7] in einer Strophe argumentiert:

Frau, erkenn dein eig‘nes Leben
Sei nicht zaghaft, sei nicht still
Der nur wird die Kraft gegeben
Die dafür auch kämpfen will“.

Diese Liste an Alternativtexten ließe sich noch um einige fortsetzen. Mir hat es gezeigt, wie viele Menschen – weiblich oder männlich/alt oder jung – offen sind für neue Gedanken und gerne bereit, sich zu beteiligen und eigene Vorschläge zu entwickeln. Das sollten auch Politiker/innen einkalkulieren, die sofort und reflexhaft alles beim Alten lassen wollten.

Bodo Ramelow war eine Ausnahme, der zwei Monate später einen eigenen Vorstoß machte und Brechts Kinderhymne als Nationalhymne vorschlug8, in der es u.a. heißt:

„Und weil wir dies Land verbessern
Lieben und beschirmen wir's
Und das Liebste mag's uns scheinen
So wie andern Völkern ihrs.“

Zudem gab es viele hilfreiche Hinweise von Journalistinnen und Publizistinnen, die manche sprachliche Verirrung geraderückten, wie z.B. die Frage, warum Schrauben denn keine Väter haben (weil sie – Vorsicht Bildung! – auch keine „Mütter“ haben, sondern „Muttern“). Eine andere schrieb: „Hätte xxx richtig recherchiert und vielleicht auch ein paar Forschungsergebnisse von Frauen einbezogen, dann könnte ihm nicht entgangen sein, dass im „Lied der Deutschen“ wirklich nur Männer gemeint waren, weil Frauen damals weder als vollwertige Bürgerinnen noch als eigenständige politische Subjekte galten. Hätte er den Liedtext genau angeschaut, so müsste ihm aufgefallen sein, dass Frauen in der zweiten Strophe nicht einfach nur „untergebracht“, sondern zwischen Wein und Gesang als schöne deutsche Dinge dargestellt werden.9Gut argumentiert, Kollegin, danke!

Liebe Frauen, liebe Gleichstellungsinteressierte, es gibt also durchaus aufgeschlossene Köpfe in diesem Land. Nicht zuletzt Verantwortliche im Bundesministerium der Verteidigung.

Ausgerechnet aus dieser nicht als progressiv bekannten Ecke kam vor wenigen Tagen die unerwartete Mitteilung, dass die bisher männlichen Dienstgrade für Soldatinnen künftig in weiblicher Form verwendet werden sollen. Aus Feldwebel Maria Müller-Maier-Schulze würde künftig Feldwebelin, aus Frau Major die Frau Majorin. Es geht also!

Seit der allgemeinen Öffnung der Streitkräfte für Frauen im Jahre 2000 wurde darüber immer wieder diskutiert und auch der Interministerielle Arbeitskreis der Gleichstellungsbeauftragten der obersten Bundesbehörden hatte sich dafür nachdrücklich eingesetzt. Aber zum einen gibt es für Soldatinnen ein eigenes Gleichstellungsgesetz, (das SGleiG, Gesetz zur Gleichstellung von Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr) und zum anderen waren und sind die Soldatinnen selbst an diesem Punkt sehr verhalten. Sie wollten nicht noch mehr Unruhe und Gegenwind zu denen, die es durch die Öffnung der Bundeswehr für Frauen ohnehin schon gab. Wenn ein Gendern der Dienstgrade nun aber „von oben“ verordnet wird, ist das natürlich eine andere Lage. Dann gilt Befehl und Gehorsam und das Gendern ist an dieser Stelle Dienstpflicht

Vielleicht geht Gendern nur so – per Befehl, d.h. Gesetz, aber das haben wir mit Bundesgleichstellungsgesetz ja schon und müssten dann auch die Nationalhymne gendern…

Irgendwie beißt sich da gerade die Katze in den Schwanz. Aber wir haben ja noch Jahrhunderte Zeit, bis es alle gelernt haben. Der sprachliche Genderfortschritt ist eine Schnecke, aber auch die Schnecke kommt irgendwann an ihr Ziel.

In diesem Sinne: Bleiben Sie dran und wachsam, Gendern lohnt sich.


Mit herzlichen Grüßen

Ihre Kristin Rose-Möhring


1 Richtig: „Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend“

3 Siehe Blog „Gendern tut Not“ vom 9.4.2018

4 Siehe Fußnote 1/Wikipedia, Abschnitt „Nach dem Zweiten Weltkrieg“ sowie Clemens Escher „Deutschland, Deutschland, Du mein Alles!": Die Deutschen auf der Suche nach ihrer Nationalhymne 1949-1952“, Paderborn 2017, S.37ff. Der Bundespräsident schlug ein Gedicht des Dichters Rudolf Alexander Schröder mit drei Strophen vor, deren Anfänge 1950 schließlich jeweils lauten sollten: „Land des Glaubens, deutsches Land“, „Land der  Hoffnung, Heimatland“ [sic!] und „Land der Liebe, Vaterland“.

5 https://frauenmediaturm.de/historische-frauenbewegung/nationalhymne-der-frauen/

6 Laut Duden eine veraltete Form von „bietet“.

7 Siehe Blog „Schwestern von gestern (3) – Hedwig Dohm“ vom 29.10.2012

Weitere Artikel zu folgenden Schlagworten:
Mein Kommentar
Sie sind nicht eingeloggt
Bitte benachrichtigen Sie mich bei neuen Kommentaren.
Ihr Kommentar erscheint unter Verwendung Ihres Namens. Weitere Einzelheiten zur Speicherung und Nutzung Ihrer Daten finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Sicherheitskontrolle: Bitte rechnen Sie die Werte aus und tragen Sie das Ergebnis in das dafür vorgesehene Feld ein. *

1 Kommentar zu diesem Beitrag
kommentiert am 21.09.2020 um 16:40:
Was der Debatte fehlt, sind Argumente. Dass hier Extrempositionen und stumpfe Parolen, die es ja nun zweifelsfrei auf beiden Seiten der "Front" gibt, als Zeugen dafür herhalten müssen, dass die andere Seite unrecht haben müsse, wird das eigene Lager bedrücken, trägt aber weiter nichts zur Erkenntnisfindung bei. Bei allem "Repräsentativen" unserer Demokratie ist dennoch in strittigen Fragen eine Legitimierung von Beschlüssen durch das Volk notwendig. Existiert diese Legitimierung, dann darf, ja soll man einen Beschluss auch notfalls mit administrativem Druck ("Befehl") durchsetzen. Wenn Sie meinen, dass dieser Punkt aktuell erreicht ist, dann möge die aktuelle oder meinetwegen auch die nächste Bundesregierung Klarheit schaffen und entsprechende Gesetze erlassen. So bestünde wenigstens Klarheit. Da aber aktuell offenbar immer noch eine deutliche Mehrheit im Volk dagegen wäre, spricht einiges dafür, dass genau das nicht geschieht - aus gutem Grund! Denn eines scheint mir auch deutlich: bei aller Überzeugung, im Recht zu sein, bei allen edlen Motiven ist in einer Demokratie dennoch notwendig, die Mehrheit für eine Idee zu gewinnen, bevor man sie in Gesetze gießt. Dieser Punkt wird gern vergessen. Ich, als jemand, der bis vor 20 Jahren selber noch gegendert hat, finde nicht, dass Gendern sich heute noch lohnt. Und so sehr mir Gleichberechtigung schon in den 1980er Jahren am Herzen lag (und noch heute liegt), war und ist mir auch eine andere Forderung jener Zeit wichtig - die der Basisdemokratie. Schade, dass manche frühere Weggefährten heute, wo sie in Verwaltungen und Regierungen sitzen, zu glauben scheinen, dass sie das nun auch ganz gut ohne könnten....
Konjunkturpaket_Banner_Detailbeitragsseite_355pxbreitpsd-min.jpg
Banner_Corona-bedingte_Rechtsänderungen_Detailbeitrag_355px-min.jpg

Twitter-IconFolgen Sie uns auch auf Twitter!
Wir informieren Sie rund um das Thema Gleichstellungrecht.
https://twitter.com/GleichstellungR

banner-gleichstellungs-und-gleichbehandlungsrecht.png

Wählen Sie unter 14 kostenlosen Newslettern!

Mit den rehm Newslettern zu vielen Fachbereichen sind Sie immer auf dem Laufenden.

Login
 
Wie können wir Ihnen weiterhelfen?
Kostenlose Hotline: 0800-2183-333
Kontaktformular

Gerne können Sie auch unser Kontaktformular benutzen und wir melden uns bei Ihnen.

Kontaktformular
Beste Antworten. Mit den kostenlosen rehm Newslettern.
Jetzt aus zahlreichen Themen wählen und gratis abonnieren  

Kundenservice

  • +49 0800-2183-333
  • Montag - Donnerstag:    8-17 Uhr
  • Freitag:                           8-15 Uhr
  • Sie können uns auch über unser Kontaktformular Ihre Fragen und Anregungen mitteilen.

Verlag und Marken

Unsere Themen und Produkte

 

Service

 

Rechtliches

Ihre Vorteile

Folgen Sie uns

       

Zahlungsarten 

Rechnung Bankeinzug   MastercardVisa

PayPal Giropay Sofortüberweisung