Gleichstellungsarbeit in der Praxis

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Die Arbeit von Gleichstellungsbeauftragten, insbesondere im Bereich des Bundesgleichstellungsgesetzes, leidet schon immer, aber neuerdings in stark zunehmendem Maße am Organisationsversagen der Behörden. Es herrscht weitgehend kein gleichstellungsfreundliches und kein Gleichstellungsbeauftragten-freundliches Betriebsklima.

Liebe Leserin, liebe Leser,

nicht umsonst ähnelt die heutige Überschrift dem Namen der Online-Zeitschrift zum Thema Gleichstellung, die ich mit herausgebe.

Beim Durchsehen der letzten Ausgaben können Sie sehen, wie auf der einen Seite von der Politik großartige Versprechungen gemacht und marginale Fortschritte als große Erfolge gefeiert werden, die Gleichstellung aber nur dann noch eine Rolle spielt, wenn es gilt, politische Personen ins Rampenlicht zu stellen wie z.B. während einer EU-Präsidentschaft. Auf der anderen Seite sehen Sie aber auch, wie viele Mitstreiterinnen nach wie vor unermüdlich dabei sind, den Verfassungsauftrag – Männer und Frauen sind gleichberechtigt – Realität werden zu lassen.

Nach fast 20 Jahren Bundesgleichstellungsgesetz sollten wir annehmen dürfen, dies sei inzwischen geschehen. Zwischen den Verfechterinnen an der Basis, den Gleichstellungsbeauftragten, und dem Ziel liegt aber die Hürde der behördlichen Organisation. Diese scheint ihren Daseinszweck nicht in der Schaffung rechtlicher Gleichstellung, sondern im Dämpfen zu großer Erwartungen zu sehen. Es fehlt den engagierten Gleichstellungsbeauftragten an den Mitteln, die Behörden zur Einhaltung des Gesetzes zu zwingen. So muss es immer beim reinen Mahnen bleiben. Das führt zu Frust und Unlust, und etliche haben auch schon aufgegeben.

2019 hielt Prof. Dr. Jan Schilling bei den Bopparder Gleichstellungstagen einen Vortrag zum Thema „Organisationaler Zynismus“. Ein Thema für Gleichstellungsbeauftragte?

Die drei von ihm erwähnten Gründe für eine negative Einstellung von Beschäftigten gegenüber ihrer Organisation treffen auf viele Gleichstellungsbeauftragte in der Praxis zu:

  1. Fehlender Glaube an die Integrität der Behörde: Worte und Taten, Pläne und Umsetzung passen aus Sicht der Gleichstellungsbeauftragten nicht zusammen,

  2. Negative Gefühle gegenüber der Behörde: Von Enttäuschung über Wut bis hin zu Scham, und

  3. Tendenzen zu abschätzigem und kritisierendem Verhalten: Zynische Bemerkungen, Witze über die Organisation, Erzählungen vom realen Irrsinn gegenüber Dritten etc.*

Ich bin sicher, erfahrene Gleichstellungsbeauftragte wissen, von was hier die Rede ist. Wie ich selbst darüber denke, können Sie meinen früheren Blogbeiträgen entnehmen.

Was aber ist die Lösung? Was bringt uns weiter? Auch das habe ich früher schon angedeutet: Nach dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts von 2007 ist die Gleichstellungsbeauftragte Sachwalterin der im Bundesgleichstellungsgesetz festgelegten Ziele. Da reicht es nicht, dass die Gleichstellungsbeauftragte im Zweifel – wie im Bundesgleichstellungsgesetz vorgesehen – die Behörde auf Feststellung der Verletzung ihrer Rechte verklagen kann. Sie muss auch im konkreten Einzelfall von Betroffenen zu deren Gunsten oder als Organ klagen dürfen und sie muss die Ergebnisse dieser Klagen gegenüber der Behörde durchsetzen können.

Ich denke, wer echte, nachvollziehbare Verbesserungen erzielen will, muss da ansetzen.

In diesem Sinne kann es für alle Gleichstellungsbeauftragte nur eins geben: Weiter für ihre Rechte und eine grundsätzliche Verbesserung des Papiertigers Bundesgleichstellungsgesetz zu kämpfen.

Allen Kolleginnen, die dieses Ziel engagiert verfolgen, wünsche ich viel Erfolg!


Mit herzlichen Grüßen

Ihre Kristin Rose-Möhring

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2 Kommentare zu diesem Beitrag
kommentiert am 03.01.2021 um 22:29:

Sehr geehrter Herr Michel Schlemmer, herzlichen Dank für Ihr Interesse und Ihre Nachfrage, die mich sehr gefreut hat. Bitte entschuldigen Sie die späte Antwort. Sie ist mir durchgerutscht., da ich zum 31.12.2020 das Bloggen hier beendet habe – siehe https://www.rehm-verlag.de/Gleichstellungsrecht/blog-gleichstellung/rueckblick-ausblick-und-abschied. Um jedoch Ihre Frage zu beantworten, möchte ich meine Auffassung von Gleichstellungsarbeit kurz darlegen. Eine Stärkung der Frauenrechte ist m.E. nicht mehr erforderlich. Die Grundlagen sind da: Artikel 3 GG, Landes- und Bundesgleichstellungsgesetze und vieles mehr. Entscheidend ist die Umsetzung der Gesetze und vor allem die tatsächliche Gleichstellung von Frauen mit Männern. Der Begriff „Gleichstellung von Frauen und Männern“ ist aus meiner Sicht Unfug, denn es stellt sich sofort die Frage „Gleichstellung von x und y mit wem oder was?“ Berufliche und gesellschaftliche Nachteile liegen derzeit immer noch auf der Seite von Frauen. Überwiegend Frauen tragen die Mehrfachbelastung durch Beruf und Betreuung von Kindern- und Pflegebedürftigen. Das führt in der Regel zu geringeren Karrierechancen, Einkommenseinbußen etc. Es liegt in dieser Hinsicht eine strukturelle Benachteiligung von Frauen vor. Eine paritätische Besetzung aller Stellen, Posten und Funktionen mit Frauen und Männern kommt daher nicht in Betracht, da dort, wo Männer zahlenmäßig unterrepräsentiert sind, sie nicht benachteiligt sind, sondern sie derartige Tätigkeiten wegen schlechter Bezahlung, geringem Ansehen und eingeschränkter Teilhabe etc. nicht haben wollen (Pflege, Lehrberufe, Kindererziehung, Verkäufer/innen im Einzelhandel etc.). Die Bundesregierung hat nun zum dritten Mal innerhalb weniger Jahres ausgesagt: „Die Bundesregierung stellt fest, dass bisher keine Erfahrungen zu strukturellen Benachteiligungen von Männern aus den Dienststellen bekannt sind.“ (BT-DRs 19/24615 vom 19.11.2020, Seite 12). Wo keine Benachteiligung vorliegt, darf auch nicht gezielt gefördert werden, da dies gegen den Verfassungsauftrag aus Artikel 3 Absatz 2 Satz 2 verstieße: „Der Staat … wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“ Für Männer aber bestehen derzeit keine Nachteile. Was Ihre Bitte zum Gendersternchen angeht: Ich habe mich vor Jahren entschieden, entweder geschlechtsneutrale Formulierungen zu verwenden oder Schrägstriche zu benutzen, um allen gerecht zu werden, z.B. „Kolleg/inn/en“ etc. Das Sternchen ist eine von mehreren Möglichkeiten auszudrücken, dass ein Text alle Menschen meint. Andere benutzen Doppelformulierungen wie „Kolleginnen und Kollegen“, den Unterstrich wie in „Arbeiter_innen“ oder auch immer noch das „Binnen-I“. Ich denke, hier sind wir noch frei in der Wahl der Mittel, wichtig ist, dass alle Texte und Reden alle Menschen gleichwertig einschließen. Mit freundlichen Grüßen Kristin Rose-Möhring

kommentiert am 22.12.2020 um 11:01:
Sehr geehrte Frau Kristin Rose-Möhring, mir ist unklar, ob Sie die Gleichstellungsarbeit nur in Sinne der Stärkung der Frauenrechte sehen, oder ob Sie geschlechterübergreifend für Gleichstellung eintreten. Sollte sie für zweiteres stehen, möchte ich Sie bitten das Gendersternchen in den Blogeintrag mit aufzunehmen, damit sich alle Mitstreiter*innen angesprochen fühlen.
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