Göttinnendämmerung: Sind wir am Ende der Gleichstellung von Frauen mit Männern?

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Götterdämmerung1 bezeichnet laut Wikipedia den „Untergang der Götter im Weltenbrand, aus dem eine schönere Welt hervorgeht“. Derzeit scheinen nicht die männlichen Götter – im aktuellen Fall Politiker – unterzugehen, sondern die weiblichen Versionen, d.h. die Politikerinnen. Und auch sie sind wohl nur die Spitze des Eisbergs, an dem die Frauenförder-Titanic zerschellt.

Liebe Leserin, liebe Leser,

in den letzten Jahrzehnten wurden Frauen als Partei- und Fraktionsvorsitzende endlich sichtbarer – allein wie bei CDU und SPD bis 2019 oder in Führungsduos wie bei Grünen, Linken und SPD seit Ende letzten Jahres. Insel der Widerständigen bleibt allein die FDP, die auf ihre erste bundesweite Führungsfrau noch wartet. Und selbst als Angela Merkel 2018 dem spürbaren Gegenwind nachgab und sich als Vorsitzende ihrer Partei zurückzog, folgte ihr mit Annegret Kramp-Karrenbauer eine Frau nach – frauenpolitisch eine Sensation.

Nach Andrea Nahles‘ eher unfreiwilligem Abgang 2019 wurde nach vielem Hin und Her immerhin eine gemischtgeschlechtliche Doppelspitze gefunden – ein Novum in der Partei, die sich vor mehr als 100 Jahren als erste das Frauenwahlrecht auf die Fahne geschrieben hatte2.

Nun, nachdem auch Merkels Nachfolgerin das Handtuch geworfen hat, scheint es nur männliche Bewerber zu geben. Derzeit keine Frau in Sicht. War’s das also schon wieder?

Die Misere der Union veranlasste einige Medien zu entsprechend negativen Kommentaren. „Mit einer männlichen Troika kann man 2021 keine Bundestagswahl mehr gewinnen“, schrieb eine Korrespondentin, als es noch drei waren. „Kann ein Mann Bundeskanzlerin werden?“ fragte ironisch ein männlicher Schlaumeier. Negative Höhepunkte waren sub-intelligente Anmerkungen wie „wer wird Deutschlands next Mutti?“3 oder auch der Hinweis eines CDU-Landeschefs „es darf kein Nachteil sein, ein Mann zu sein“.

Haha! Als ob es bisher ein Vorteil war, eine Frau zu sein! Denn seien wir ehrlich: Frauen kommen meist dann zum Zug, wenn die Männer die Situation verbockt hatten: Angela Merkel kam aufgrund des von Helmut Kohl hinterlassenen Chaos‘ zu ihrem Spitzenamt und Andrea Nahles war die achte und erste weibliche SPD-Vorsitzende in ca. 20 Jahren interner Kämpfe. Nur in Parteien, in denen echte Quoten für Gleichstellung sorgen, gibt es seit vielen Jahr/zehnt/en konsequent gleiche Teilhabe an Frauen in Führungspositionen.

Apropos Frauen in Führungspositionen und um mal weg zu kommen von den Parteispitzen und hin zu den Frauen im Alltag des öffentlichen Dienstes. Unsere – zunehmend wackelige – GroKo hatte in ihrem Koalitionsvertrag vom März 2018 von der Vorbildfunktion des öffentlichen Dienstes ge- und dann eine gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern in Leitungsfunktionen bis 2025 versprochen.

Dann geschah 20 Monate nichts. In der Groko-Halbzeitbilanz im letzten November wurde das Ziel einer Parität in Führungspositionen der Bundesverwaltung bis 2025 erneut beschworen, und zwar „noch in diesem Jahr“. Das war 2019. Und was passierte? Erneut nichts.

Jetzt gibt es seit ein paar Tagen eine weitere sehr vage Perspektive, dass bald in jedem Vorstand von Großkonzernen mindestens eine Frau vorhanden sein soll. Der Berg kreißte und gebar eine Maus: eine vage Ankündigung mit Verweis auf Verhandlungen, nix genaues und vor allem nix zum öffentlichen Dienst. Und auch nix für jedefrau, d.h. die Frau, die weniger verdient als ihr Mann, die mehr Haus- und Betreuungsarbeit erledigt als ihr Partner, die die Vereinbarkeit von Beruf und Familie schwer realisieren kann, die viel weniger Rente bekommt und, und, und.

Das scheint mir symptomatisch für die gesamte gegenwärtige Frauenpolitik, für die immer noch dringend nötige Politik der Gleichstellung von Frauen mit Männern. Es passiert einfach nichts.

Frauenpolitik, Gleichstellung, Feminismus – das alles scheint unsexy geworden zu sein.

Männer beklagen sich über scheinbare Benachteiligung; mit ihnen zu diskutieren und ihre meist unbegründeten Argumente zu widerlegen, ist mühsam und langwierig. Maskulisten und rechte Politiker/innen machen das Thema bestenfalls lächerlich und den grundgesetzlichen Auftrag kennt ohnehin keine/r mehr4. Daher will sich kaum eine Politikerin und/oder Ministerin damit noch die Finger schmutzig machen.

Aber was geschieht, wenn nichts geschieht? Das sehen wir jetzt bei den obengenannten Top-Frauen. Treten sie ab und stehen keine Frauen bereit, die ganz selbstverständlich die Nachfolge antreten können, fallen wir wieder zurück ins gute alte Patriarchat. Dann erleben wir Hahnenkämpfe, wie sie sich nun bei der großen Groko-Partnerin abzeichnen. Männer zanken sich um die Top-Jobs und Frauen gucken zu. Der o.g. „Weltenbrand, aus dem eine schönere Welt hervorgeht“, ist das sicher nicht.

Für einen solchen Aufbruch wäre neues, echtes Engagement auf allen Ebenen erforderlich, eine Art neue Frauen- und Gleichstellungsbewegung. Keine Sonntagsreden zum Internationalen Frauentag am 8. März oder zum Equal Pay Day am 17. März, sondern Gleichstellungspolitik aus einem Guss z.B. ein allgemeingültiges Gleichstellungsgesetz oder eine Gleichstellungsstrategie für jeden einzelnen Politik- und Lebensbereich.

Das muss die Politik leisten, sonst folgt bei den kommenden Wahlen die Quittung. Wer sich nicht vertreten sieht, wählt nicht oder ggf. extrem. Das kann keine Demokratie wollen.


In diesem Sinne mit Grüßen und Wünschen zum Aufbruch

Ihre Kristin Rose-Möhring


1 Teil des Opernzyklus‘ „Der Ring der Nibelungen“ von Richard Wagner

2 1879 erschien das Buch „Die Frau und der Sozialismus“ von August Bebel, einem der ersten Vorsitzenden der SPD.

3 Siehe Blog „Deutschland und seine Mütter“ vom 28.1.2019

4 Beseitigung von Benachteiligungen, die selbst nach Aussage der Bundesregierung bei Männern nicht vorkommen und daher gezielte Frauenförderung verlangen – siehe Blog „Wehret den Anfängen! vom 3.2.2020

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