Der öffentliche Dienst braucht (keine) Einser-Abiturienten!

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Auch als pensionierter Beamter nehme ich ab und zu noch als Gast an einem Behördenstammtisch teil. Dabei werden aktuelle Fragen heiß und durchaus kontrovers diskutiert. Das Thema war diesmal ein in allen Tageszeitungen und natürlich auch im Rundfunk und im Fernsehen behandeltes Thema: Jeder vierte Abiturient in Deutschland besitzt einen Notendurchschnitt mit einer „1“ vor dem Komma.

Liebe Leserin, lieber Leser,

Stammtische haben gerade für die Beschäftigten im öffentlichen Dienst den großen Vorteil, dass man hier unabhängig von seinem jeweiligen Amt so reden kann, soll und darf, „wie einem der Schnabel gewachsen ist“ und man spart deshalb auch nicht mit Kritik. An diesem „heiligen“ Ort gibt es eben weder Standesdünkel noch Laufbahngruppen oder „Qualifikationsebenen“. Jeder legt ohne Rückhalt seine Meinung dar und hält auch meistens daran fest. Bei einer Verschiedenheit der Meinung obsiegt dabei oft der mächtige Schall der Stimme, nicht aber die Kraft der Gründe…

Am letzten Freitagabend waren Medienberichte, nach denen jeder vierte Abiturient in Deutschland eine „1“ vor dem Komma seines Gesamtergebnisses stehen hat, das Thema der Diskussion beim „Behördenstammtisch“. Dabei wurden im „Huberbräu1“ die unterschiedlichsten Positionen bezogen, von denen ich hier nur die „wichtigsten“ wiedergeben will…

Es begann Rektor Wimmer. Er meinte, der Anteil der Einser-Abiturienten sei bundesweit in den vergangenen zehn Jahren deutlich gestiegen. Jeder vierte Abiturient habe jetzt nach übereinstimmenden Berichten in der Presse die Note „1“ und in Thüringen hätten das sogar schon 40 Prozent. Das gehe doch nicht mit rechten Dingen zu. Die Bewertungen seien zwar hervorragend, zweifelhaft seien aber die Leistungen der Abiturienten.

Amtsrat Meier fuhr fort: "Die Anwärter, die mir zur praktischen Ausbildung zugeteilt sind, haben zwar alle ein gutes Abitur, aber tatsächlich werden sie immer dümmer. Gestern machte mir einer den Vorschlag, man solle belastende Verwaltungsakte doch nur mehr erlassen, wenn das Ergebnis vorher in einem „workshop“ ergebnisoffen diskutiert wurde. Die Anwärter hätten das so von einem ausgebildeten Psychologen an der „Hochschule für den öffentlichen Dienst“ gelernt und auch schon am Gymnasium habe er in Teamarbeit Leistungen erbracht, die ihm letztendlich zu einer Durchschnittsnote im Abitur von 1,5 verholfen hätten.“

Verwaltungshauptsekretär Huber fragte, warum man denn an einer „Hochschule für den öffentlichen Dienst“ überhaupt einen hauptamtlichen Psychologen brauche, der sei doch „überflüssig wie ein Kropf“. Er meinte, es sei doch unglaublich, dass „Gemeinschaftsarbeiten“, die mit Sicherheit auf eine Anregung dieses „Pseudowissenschaftlers“ zurückzuführen seien, in die Note einfließen würden.

Worauf Amtsrat Meier meinte, dass es im öffentlichen Dienst in der Praxis schon zeitlich gar nicht infrage komme, so zu arbeiten, wie an diesen „Depperlschulen“ (gemeint waren Gymnasien und die „Hochschulen für den öffentlichen Dienst“). Wenn er einen Bescheid unterzeichne, dann sei das eben sein Bescheid und nicht der seiner Mitarbeiter.

Regierungsdirektor Schneider warf ein, dass auch beim Aufstieg von Beamten in die nächste Laufbahngruppe nicht mehr nur anonym und persönlich erbrachte Leistungen und individuelle Noten, sondern schon allein die Teilnahme an einigen Seminaren genügen würden, um in den höheren Dienst aufzusteigen. Und wenn schon einmal eine Leistung bewertet werden müsste, dann geschehe dies aufgrund der Teilnahme an einer Gruppenarbeit, in der man sich gemeinschaftlich zu irgendeinem Schmarrn wie „Soziale Kompetenz“ oder „Bürgerfreundliche Verwaltung“ äußern dürfe.

Oberregierungsrat Schulze, der erst kürzlich im Wege der Modularen Qualifizierung in sein Amt ernannt worden war, warf ein, es gäbe in Bayern ja gar keine Laufbahngruppen mehr, sondern nur eine Einheitslaufbahn mit vier Qualifikationsebenen. Er lobte die neue Form des Aufstiegs, die er ja selber durchlaufen hatte. Die Teilnahme an diversen „workshops“, Gruppendiskussionen und Gesprächskreisen seien zwar tatsächlich das Wichtigste dabei gewesen, aber schließlich hätten auch Prüfungen im „Multiple-Choice–Verfahren“ absolviert werden müssen und das zeige, dass er zu den selben Leistungen fähig sei, wie ein Jurist als normaler Laufbahnbewerber mit zwei absolvierten Staatsexamina.

Hier entgegnete ihm der pensionierte Hausmeister Pframminger, das Aufstiegsverfahren im Rahmen der „Modularen Qualifizierung“ sei einfach ein Witz. „Jeder Trottel kann jetzt in den höheren Dienst kommen, wenn er nur seinem jeweiligen Vorgesetzten genügend hofiere und sich das „Radlfahrertum“ zu eigen mache: „Nach oben buckeln und nach unten treten, dann darf er an dem neuen Verfahren teilnehmen und alles ist gelaufen!“

Oberregierungsrat Schulze bestritt dies aufs Heftigste und sprach von einer ans Beleidigende grenzende Aussage, die er nur wegen Pframmingers hohen Alters nicht durch eine Strafanzeige verfolgen würde.

Regierungsoberinspektor Loibl meinte, man solle die Wogen wieder glätten, aber es stehe eindeutig fest, dass die Anwärter, was etwa die Rechtschreibung und auch die praktischen und theoretischen Leistungen in der Ausbildung betreffe, immer schwächer würden. Er führte das darauf zurück, dass man bereits für ein gutes Abitur eben nicht mehr annähernd so gute Leistungen erbringen müsse, wie noch vor 20 Jahren.

Verwaltungshauptsekretär Huber fragte nun, ob das etwa damit zusammenhängen könne, dass man eine so große Anzahl von Lehrern mit Zeitverträgen einsetzen würde, die damit jedes Jahr neu um ihre Zukunft bangen müssten und eben deswegen bereit seien, überdurchschnittlich gute Noten zu verteilen. Entscheidend für einen weiteren Vertrag seien schließlich auch die Bewertungen im Rahmen der „Evaluation“ durch die Schüler und deren Eltern. „Gut dastehen tut da immer doch nur der, der sich mit den Schülern bei der Notenvergabe großzügig zeigt!“

Amtsrat Meier erinnerte jetzt an die „Freitagsdemonstrationen“ der Schüler und meinte, wenn man nur mehr vier statt fünf Tage Unterricht habe – und das auch noch im Einverständnis mit den Lehrern und – das schlage dem Fass den Boden aus – auch dem der Bundeskanzlerin – dann komme eben dabei raus, dass man halt auch jedem vierten Schüler die Note „1“ ins Zeugnis schreiben müsse!

Pframminger vertrat die Auffassung, Lehrer hätten doch auch so jeden Nachmittag frei, während „normale“ Beamte nur 30 Tage Urlaub im Jahr einbringen können, hätten Lehrer Herbst-, Winter-, Faschings-, Oster-, Pfingst- und auch noch große Ferien von insgesamt mindestens 18 Wochen, was rein rechnerisch einer Freistellung von ca. 80 Tagen im Jahr entspreche!

Leitender Regierungsdirektor König berichtete jetzt von einem Fall, den er als ehemaliger Dozent an der „Hochschule für den öffentlichen Dienst“ in Bayern im schönen Wasserburg am Inn erlebt habe. Da habe ein „Studierender“ in einer „Diplomarbeit“ 57(!) Rechtschreibfehler begangen und dann doch noch die Note „4“ erhalten! Jetzt sei er als Akademiker im gehobenen Dienst und werde wohl auch bald den Aufstieg in den höheren Dienst anstreben.

Amtsrat Meier brachte entsetzt zum Ausdruck, dass eine Person, die „kein gescheites Deutsch nicht könne“ (!) doch nicht auf die Allgemeinheit losgelassen werden dürfe, auch wenn man an diesem Fachbereich früher das Diplom völlig ohne Diplomarbeit erhalten konnte und man „nur“ eine Seminararbeit abzuliefern hatte.

Leitender Regierungsdirektor König entgegnete, man habe die frühere Seminararbeit halt – weil sich das nach außen besser darstelle – einfach in „Diplomarbeit“ umbenannt, weil man eben nicht mehr wie früher ein „Diplom ohne Diplomarbeit“ vergeben wollte. Umfang und Anforderungen seien aber völlig identisch geblieben.

Oberregierungsrat Schulze vertrat die Ansicht, dass man Schüler und Lehrer doch nicht überfordern dürfe. Für beide Seiten sei das Leben schon schwer genug. Lehrer müssten jeden Tag ihren Unterricht vor- und auch nachbereiten. Er wisse das schließlich zur Genüge, da auch seine Gattin Lehrerin am Gymnasium für die Fächer Sport und Geschichte sei.

Pframminger entgegnete, bei den Fächern Sport und Geschichte stelle sich für ihn doch die Frage, was man da noch vorbereiten müsse, denn da könne sich ja doch rein gar nichts geändert haben. „Wenn heute 40 Prozent eines Jahrgangs das Abitur schaffen, müssen die Anforderungen halt insgesamt gesunken sein!“ Und das dann die Anwärter im öffentlichen Dienst eben „blöder“ seien als früher, sei die natürliche Folge dieser Entwicklung. Und auch Lehrer seien nun einmal Angehörige des öffentlichen Dienstes!

Man diskutierte noch eine ganze Weile und sogar Pframminger und Schulze versöhnten sich nach dem Genuss diverser alkoholischer Getränke wieder einigermaßen…

 

Ihr

Dr. Maximilian Baßlsperger

 


1 Sowohl der Ort der Handlung, als auch die Namen der Protagonisten wurden schon aus den gerade in jüngster Zeit gestiegenen Anforderungen des Datenschutzrechts geändert.



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1 Kommentar zu diesem Beitrag
kommentiert am 07.10.2019 um 13:25:
Ein Einserabiturient muss auch nicht deshalb unbedingt ein guter Arzt werden, weil er den numerus clausus erfüllt! Aber auch mir kommt es so vor, als habe schon jeder Depp heute ein gutes Abitur!
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