Bundesgleichstellungsgesetz A.0 BGleiG 2015 – Kommentierung §§ 1-4 (Abschnitt 1: Allgemeine Bestimmungen) § 1 Ziele des Gesetzes Kommentierung B. Erläuterungen IX. Beseitigung und Verhinderung von Benachteiligungen aufgrund des Geschlechts (§ 1 Abs. 1 Nr. 2) 5. Umsetzung des Gleichbehandlungsgrundsatzes im Unionsrecht

c)Verbindlichkeit der RL
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Richtlinie
Verbindlichkeit
Das Besondere der RL liegt darin, dass diese sekundärrechtlichen Vorschriften entsprechend Art. 288 Abs. 3 AEUV (vormals Art. 249 Abs. 3 EG, Art. 189 Abs. 3 EGV) hinsichtlich ihres Ziels nur für die Mitgliedsstaaten in ihrem Verhältnis zur EU verbindlich sind. Den Mitgliedstaaten bleibt es überlassen, die Umsetzung in innerstaatliches Recht vorzunehmen und damit (erst) den Normen der RL Verbindlichkeit für die dem nationalen Recht unterworfenen Personen zu verleihen, wobei Form und Mittel der Umsetzung vom Grundsatz her Ermessenssache der Einzelstaaten sind (vgl. EuGH 19.1.1982 – Rs. 8/81 – E 1982, 53, 70 Rn. 17 ff. = NJW 1982, 499, 500  – „Becker“).
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Richtlinie
innerstaatliches Recht
Umsetzung
Ungeachtet dieser Gestaltungsspielräume sind die Mitgliedstaaten – auch nach Maßgabe der insoweit maßgeblichen völkerrechtlichen Grundsätze – gehalten, das mit einer RL zu erzielende Ergebnis tatsächlich (in Wirklichkeit!) mit innerstaatlichen Mitteln innerhalb der jeweils in der RL bestimmten Frist zu erreichen (EuGH 11.8.1995 – C-431/92 – NVwZ 1996, 369, 370 Rn. 22 – „Kommission/Deutschland“; 26.10.1983 – Rs. 163/82 – NJW 1985, 549 Rn. 9 – „Kommission/Italien“; Callies NVwZ 1998, 8, 9 m. w. N.). Es besteht also eine entsprechende Ergebnispflicht (Schroeder in Streinz Art. 288 AEUV Rn. 76, 126; Ruffert in Callies/Ruffert Art. 288 AEUV Rn. 23; v. Roetteken NZA 2001, 414, 415 f.; ders. AGG § 1 Rn. 24 , 26 m. w. N.). Die Mitgliedstaaten haften für den Erfolg, in Bundesstaaten der Bund bzw. die kompetenzrechtlich zuständigen Länder, ggf. nebeneinander (Schroeder a.a.O. Rn. 73; Ruffert a.a.O. Rn. 41), soweit es um den aufgrund der RL herzustellenden Rechtszustand geht (zur Maßgeblichkeit des herzustellenden Rechtszustands in den Mitgliedstaaten Schroeder a.a.O. Rn. 76; Nettesheim in Grabitz/Hilf/Nettesheim Art. 288 AEUV Rn. 112 f., 119 ff.)
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Richtlinie
innerstaatliches Recht
Folgen mangelnder Umsetzung
Folgerichtig billigt der EuGH für den Fall einer fehlenden oder unzureichenden Umsetzung einer RL in innerstaatliches Recht den dadurch Benachteiligten Schadensersatzansprüche gegen den jeweiligen Mitgliedstaat zu, abgeleitet aus dem völkerrechtlichen Grundsatz einer verschuldensunabhängigen Erfolgshaftung für die Durchführung eines Staatsvertrages und anknüpfend an den diesen Grundsatz konkretisierenden Art. 4 Abs. 3 Unterabs. 2 EUV , Art. 291 Abs. 1 AEUV, vormals Art. 10 EG, Art. 5 EGV (EuGH 14.7.1994 – C-91/92 – NJW 1994, 2473, 2474  Rn. 27 – „Faccini Dori“; 5.3.1996 – C-46/93 u. a. – NJW 1996, 1267, 1269 Rn. 46 = EAS Art. 215 EGV Nr. 2 – ,,Brasserie du Pêcheur“; Generalanwalt Tesauro in EuGH 5.3.1996, EAS Art. 215 EGV Nr. 2 Rn. 80; EuGH 8.10.1996 – C-178/94 u. a. – NJW 1996, 3141, 3142 Rn. 20 ff. = EAS Art. 215 EGV Nr. 3 – „Dillenkofer u. a.“; 25.11.2010 – C-429/09 – NZA 2010, 53, 55 f. Rn. 47 f. – „Fuß“; daran anschließend BVerwG 20.7.2017 – 2 C 31.16 – ZBR 2018, 92, 93  Rn. 10 ff.).
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Richtlinie
Individualrechte
Insbesondere gilt dies für die in einer RL enthaltenen Bestimmungen, die subjektive Rechte gewähren wie z. B. das Recht auf Unterlassung jeglicher Ungleichbehandlung wegen des Geschlechts (EuGH 20.3.2003 – C-187/00 – NZA 2003, 506, 509  Rn. 70 = BGleiG-ES E.III.3.2 Art. 5 RL 76/207/EWG Nr. 25  – „Kutz-Bauer“; 9.2.1999 – C-167/97 – E 1999-I, 623, 678. Rn. 39 = BGleiG-ES E.III.1.1 Art. 119 EGV Nr. 60  – „Seymour-Smith u. Perez“; 30.4.1996 – C-13/94 – NJW 1996, 2421  Rn. 19 -„P/S“, 17.10.1995, – C-450/93 – NZA 1995, 1095, 1096 Rn. 21 = BGleiG-ES E.III.3.2 Art. 2 RL 76/207/EWG Nr. 11  – „Kalanke“; zur Gewährleistung subjektiver Rechte durch Art. 14 Abs. 1 , Art. 15 RL 2006/54/EG EuGH 6.3.2014 – C-595/12 – NZA 2014, 715, 718  Rn. 47 ff. = BGleiG-ES E.III.3.12 Art. 15 RL 2006/54/EG Nr. 1  – „Napoli“) oder sonstige Bestimmungen, die hinreichend konkret im Interesse eines bestimmten Personenkreises abgefasst sind (Rn. 197 ; zum Begriff des subjektiven Rechts aufgrund hinreichenden Interessenbezugs EuGH 6.3.2014, a.a.O. Rn. 46 ; 20.3.2003, a.a.O. Rn. 69 ; 30.5.1991 – C-361/88 – NVwZ 1991, 866, 867  Rn. 16 – „Kommission/Deutschland“ – u. – C-59/89 – NVwZ 1991, 868 Rn. 19 – „Kommission/Deutschland“).
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Richtlinie
innerstaatliches Recht
Umsetzung
In der RL 2006/54/EG hat sich dieser Gedanke einerseits in der verbindlichen Bestimmung des Ziels einer Verwirklichung des Grundsatzes der Gleichbehandlung von Männern und Frauen (Art. 1 S. 1) sowie in den ausdrücklich normierten Pflichten der Mitgliedstaaten niedergeschlagen, die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um sicherzustellen , dass alle mit dem Grundsatz der Gleichbehandlung unvereinbaren Rechts-, Verwaltungsvorschriften oder Tarifbestimmungen beseitigt werden (Art. 23 RL 2006/54/EG ; EuGH 26.10.1983 – Rs. 163/82 – NJW 1985, 549 Rn. 9 – „Kommission/Italien“).