C. Arbeitslohn – Lohnsteuer – Sozialversicherung von A bis Z F Fahrten zwischen Wohnung und erster Tätigkeitsstätte

7. Unfall auf der Fahrt zwischen Wohnung und erster Tätigkeitsstätte
LS +
SV +
Hat der Arbeitnehmer auf der Fahrt zwischen Wohnung und erster Tätigkeitsstätte mit seinem eigenen Pkw einen Unfall und ersetzt der Arbeitgeber dem Arbeitnehmer die Reparaturkosten, ist dieser Arbeitgeberersatz steuer- und beitragspflichtiger Arbeitslohn.
Unfallkosten, die auf einer Fahrt zwischen Wohnung und erster Tätigkeitsstätte entstehen, werden als außergewöhnliche Aufwendungen neben der Entfernungspauschale nach § 9 Abs. 1 Satz 1 EStG als Werbungskosten berücksichtigt.[1] Auch wenn der Bundesfinanzhof in seinem Urteil zur Berücksichtigung außergewöhnlicher Kosten neben der Entfernungspauschale (Reparaturkosten infolge Falschbetankung; BFH-Urteil vom 20.3.2014, BStBl. II S. 849) über Unfallkosten nicht entscheiden brauchte, macht er in seiner Urteilsbegründung dennoch deutlich, dass sämtliche Aufwendungen – unabhängig von ihrer Art und Höhe – unter die Abgeltungswirkung fallen und die Gesetzesmaterialien zur Entfernungspauschale hinsichtlich der zusätzlichen Berücksichtigung von Unfallkosten letztlich sogar widersprüchlich seien (vgl. auch „Entfernungspauschale“ unter Nr. 9 besonders Buchstaben a und c). Die Finanzverwaltung lässt die Unfallkosten dennoch weiterhin neben der Entfernungspauschale zum Werbungskostenabzug zu. Die Berücksichtigung als Werbungskosten nach § 9 Abs. 1 Satz 1 EStG hat aber zur Folge, dass die Lohnsteuer für die vom Arbeitgeber erstatteten Unfallkosten nicht mit 15 % pauschaliert werden kann. Die Pauschalbesteuerung ist nämlich nur für Beträge zulässig, die der Arbeitnehmer nach § 9 Abs. 1 Satz 3 Nr. 4 EStG oder nach § 9 Abs. 2 EStG als Werbungskosten geltend machen könnte.
Beispiel A
Ein Arbeitnehmer fährt mit seinem eigenen Pkw im Jahr 2019 an 220 Arbeitstagen von seiner Wohnung zur 30 km entfernt liegenden ersten Tätigkeitsstätte. Der Arbeitgeber zahlt ihm einen monatlichen Fahrtkostenzuschuss von 150 €. Im Juli 2019 verschuldet der Arbeitnehmer auf dem Weg zur Arbeit mit seinem Pkw einen Unfall. Der Arbeitgeber erstattet dem Arbeitnehmer zusätzlich zum Fahrtkostenzuschuss die ihm entstandenen Unfallkosten von 1500 €.
Der Arbeitgeber kann die Lohnsteuer für den monatlichen Fahrtkostenzuschuss mit 15 % pauschalieren, da der Fahrtkostenzuschuss von 1800 € (150 € × 12 Monate) nicht den Betrag übersteigt, den der Arbeitnehmer bei seiner Einkommensteuer-Veranlagung als Entfernungspauschale geltend machen könnte (220 Arbeitstage × 30 km × 0,30 € = 1980 €).
Die Lohnsteuer für die zusätzliche Übernahme der Unfallkosten kann hingegen nicht mit 15 % pauschaliert werden, da die Unfallkosten nach § 9 Abs. 1 Satz 1 EStG und nicht – wie für eine Pauschalierung erforderlich – nach § 9 Abs. 1 Satz 3 Nr. 4 EStG als Werbungskosten berücksichtigt werden. Die Übernahme der Unfallkosten ist somit individuell steuer- und auch beitragspflichtig. Der Arbeitnehmer kann allerdings die Unfallkosten bei seiner Einkommensteuer-Veranlagung neben der Entfernungspauschale nach § 9 Abs. 1 Satz 1 EStG als Werbungskosten geltend machen.
Eine Ausnahme von den vorstehenden Ausführungen besteht allerdings für behinderte Arbeitnehmer
deren Grad der Behinderung mindestens 70 beträgt,
deren Grad der Behinderung weniger als 70, aber mindestens 50 beträgt und die in ihrer Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr erheblich beeinträchtigt sind (Merkzeichen „G“).
Denn diese behinderten Arbeitnehmer können ihre tatsächlichen Aufwendungen (einschließlich Unfallkosten) für Fahrten zwischen Wohnung und erster Tätigkeitsstätte nach § 9 Abs. 2 EStG als Werbungskosten absetzen. Dementsprechend kann der Arbeitgeber die Lohnsteuer auch bis zu diesem Betrag mit 15 % pauschal besteuern. Dies gilt auch für Unfallkosten.[2]
Beispiel B
Ein behinderter Arbeitnehmer (Grad der Behinderung 70) hat mit seinem eigenen Pkw auf dem Weg zur ersten Tätigkeitsstätte einen selbst verschuldeten Verkehrsunfall.
Die Reparaturkosten für sein Fahrzeug betragen 2000 €. Der Arbeitnehmer erhält keinen Ersatz von seiner Versicherung. Der Arbeitgeber zahlt die Reparaturkosten in Höhe von 2000 €. Dieser Betrag von 2000 € ist steuerpflichtiger Arbeitslohn.
Der Arbeitgeber kann allerdings die Lohnsteuer mit 15 % pauschalieren. Tut er dies, ist der Betrag von 2000 € beitragsfrei in der Sozialversicherung. Der Arbeitnehmer kann in diesem Fall die pauschal besteuerten Aufwendungen nicht als Werbungskosten bei seiner Einkommensteuer-Veranlagung geltend machen.
Zur Behandlung der Unfallkosten bei Überlassung eines „Firmenwagens zur privaten Nutzung“ vgl. dieses Stichwort unter Nr. 16.

1

BMF-Schreiben vom 31.10.2013 (BStBl. I S. 1376, Tz. 4). Das BMF-Schreiben ist als Anlage zu H 9.10 LStR im Steuerhandbuch für das Lohnbüro 2019 abgedruckt.
2
BMF-Schreiben vom 31.10.2013 (BStBl. I S. 1376, Tz. 3). Das BMF-Schreiben ist als Anlage zu H 9.10 LStR im Steuerhandbuch für das Lohnbüro 2019 abgedruckt.