Deutschland und seine Mütter

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Nach Angela Merkel hat die CDU erneut eine VorsitzendE und wieder bemühen sogenannte Comedians das Mutter-Klischee.

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

in einer sogenannten Satiresendung kommentierte der Moderator die Wahl von Annegret Kramp-Karrenbauer (AKK) mit dem Schlagwort „Germany‘s next Top-Mutti“. Ausnahmsweise passt die Bezeichnung „Mutter“ auf AKK, denn sie hat drei Kinder. Allerdings hat sie schon vor Jahren mit ihrem Mann die Rollen getauscht: Sie machte Politik, er blieb erst Teilzeit, dann Vollzeit zu Hause, um sich um Kinder, Haushalt und Back-Office zu kümmern.
Ansonsten stimmt der politische Kosename, besser das Ironie-Wort "Mutti" nicht – wie in den meisten Fällen.

 

Angela Merkel wurde immer wieder als „Mutti“ bezeichnet, obwohl es selten eine Politikerin gab, die weniger mütterlich daherkam. Von Beruf Wissenschaftlerin denkt sie die Dinge vom Ende her, ist unemotional bis zur Ausdruckslosigkeit, zeigt nie eine Träne und wurde nur einmal gefühlig, als es im Herbst 2015 um die Öffnung der deutschen Grenzen und die Aufnahme von in Ungarn unmenschlich gestrandeten Menschen ging. Sie ist zwar verheiratet, hat aber keine eigenen, sondern nur „Beutekinder“ und hat nie erkennen lassen, dass ihr an dieser Stelle etwas fehlt.

 

Was also machte sie in den Augen (von wem?) zur „Mutti“? Die Unfähigkeit politischer Männer, mit einer Frau an alleroberster Stelle auf Augenhöhe umzugehen? Musste sie daher zur „Mutti“ ironisiert werden? Eine gönnerhafte Bezeichnung, immer leicht abwertend, wenn „man“ mit ihr nicht weiterwusste: Was denkt sie jetzt? Was tut sie als nächstes? Tut sie überhaupt endlich mal was? Wer/welcher Mann steht jetzt wieder auf ihrer Abschussliste1?

 

Auch sonst scheint Deutschland ein Mütterproblem zu haben: „Latte macchiato"-Mütter war lange ein ebenso abwertender Begriff wie die „Bionade-Mama“ oder derzeit die „Helikopter-Mutti“, wenn das Engagement einer Frau für die eigene Brut angeblich zu groß wird. „Rabenmütter“ sind die, die „karrieregeil“, wie sie nun einmal sind, ihre berufliche Entwicklung zu sehr vorantreiben. Pausiert aber eine Mutter beruflich länger für ihr/e Kind/er, dann wiederum ist sie das Heimchen am Herd, das Hausmütterchen.

 

Was immer sie tun, Frauen sind nie „richtig“ und immer adlig: erst als „Tochter von ...“, dann als „Frau von...“ und später ggf. als „Mutter von ...“. Selten eigenständig oder einfach nur sie selbst.

 

Und dann haben wir noch das Thema „Mutter der Nation“. Das waren seltener Politikerinnen – Angela Merkel war die erste dieser Art – als vielmehr Schauspielerinnen. Aber auch hier ist das Bild mehr als schief.

 

Die erste war Inge Meysel. Als Mutter in der TV-Serie „Die Unverbesserlichen“ bekam sie dieses Etikett verpasst. Sie spielte gefühlte 1000 andere Rollen und war im wahren Leben kinderlos, aber der Stempel blieb.
Die nächste war Thekla Carola Wied. Sie spielte früh in ihrer Fernseh-Karriere eine flotte patente Mutter in der Serie „Ich heirate eine Familie“ und danach viele andere Rollen. Auch sie ist kinderlos.
Als bisher letzte in der Reihe der „Mütter der Nation“ haben wir „Mutter Beimer“ aus der „Lindenstraße“. Zwar spielt sie in der Endlos-Serie in der Tat eine Supermutter mit jeder Menge Glucken-Attitüde, die ihren Serienkindern mit ihren Kümmereien auf die Nerven geht und oft in die Schranken verwiesen wird. Doch auch diese „Mutter der Nation“-Schauspielerin, Marie-Luise Marian, ist im Privatleben unverheiratet und kinderlos.

 

Irgendwie haben wir Deutschen anscheinend einen Mutterkomplex. Oder was bedeutet dieses ambivalente Mütter-Bild? Frauen, die keine Kinder wollen, können nicht „normal“ sein. Haben sie dann endlich welche und den „Reproduktionsschnitt“ von heftig kritisierten ca. 1,4 % pro Frau erfüllt, werden sie oft nicht mehr ernst genommen, manchmal belächelt oder auch herabgesetzt. Sie „nerven“ mit Teilzeit, Vereinbarkeit von Beruf und Familie und anderen Ansprüchen.

 

Hat unsere Gesellschaft Angst vor all diesen tüchtigen, zupackenden, mutigen Frauen, die wie Löwinnen für ihre Familien kämpfen? Hat sie überhaupt Angst davor, dass Frauen das Ruder in die Hand nehmen wie Angela Merkel oder ggf. bald AKK und zeigen, dass sie – einmal gleichgestellt – überlegen sind?

 

Deutschland ist und bleibt eine zutiefst patriarchalisch gesinnte Gesellschaft. Oder kennen Sie einen „Vater der Nation“? Kein deutscher Politiker, kein Schauspieler, kein anderer Prominenter trägt einen solchen „Titel“ – schon gar keiner mit diesem amüsierten Unterton oder dieser ironischen Konnotation.
Kemal Atatürk, der Vater der Türken, ist der einzige internationale Politiker, der mir in dieser Hinsicht einfällt. Gandhi galt als „Seele“ der Nation. Mandela war der große Versöhner und wird fast ausnahmslos bewundert.

 

Frauen werden in vergleichbaren Rollen immer schnell zur Landesmutter – siehe deutsche Bundesländer. Als Frau des Staatschefs sind sie die nicht bezahlte, aber unermüdlich beschäftigte „Frau an seiner Seite“, in Frankreich die „Première Dame“, in den USA zumindest mit dem witzigen Akronym FLOTUS, die den POTUS2 unterstützt.

 

In Deutschland diskutieren wir dann schnell, ob die erste Dame richtig ist: Dr. Mildred Scheel, die Ärztin blieb und die Deutsche Krebshilfe gründete, war zu eigenständig. Bettina Wulff hatte ein Tattoo – Untergang des Abendlandes! Daniela Schadt war mit dem Bundespräsidenten nicht verheiratet – tztztz... Elke Büdenbender hat ihren eigenen Namen behalten – ja, will sie sich denn nicht zu IHM bekennen, nicht einmal durch den gleichen Namen????

 

Eine Bitte an alle mit solchen und ähnlichen Vorbehalten: Lassen Sie uns Frauen einfach mal so sein, wie wir sind und gerne sein wollen. So wie Männer das auch tun und nicht immer gleich hinterfragt werden. Stellen Sie uns einfach auch mal in dieser Hinsicht gleich!

 

Mit frommen Wünschen grüßt Sie herzlich

 

Ihre Kristin Rose-Möhring

 

 

1Kein/e moderne/r Politiker/in hat sich so vieler Rivalen entledigt wie sie: Vom sogenannten „Andenpakt“ ist nur noch Volker Bouffier im Geschäft, aber sicher aufgehoben als Ministerpräsident von Hessen; andere sprangen über die Klinge, einige erledigten sich selbst oder suchten ihr Heil in Privatwirtschaft, Europa etc.: Christian Wulff, Roland Koch, Friedbert Pflüger, Matthias Wissmann, Günter Oettinger, Roland Pofalla, Peter Müller, zeitweilig auch Norbert Röttgen, und – nicht zu vergessen – Friedrich Merz, zumindest bisher; wer weiß was AKK für ihn im Hinblick auf Ämter noch in petto hat. Zumindest hat sie schon mal durchgezählt und festgestellt, dass das Kabinett komplett ist, als hier die ersten überdeutlichen Hinweise kamen...
2First Lady of the United States, President of the United States

 

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1 Kommentar zu diesem Beitrag
kommentiert am 05.02.2019 um 11:14:
Richtig und einfach wunderbar genau auf den Punkt gebracht: danke dafür!
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