Gendern tut Not

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Die Sprache formt das Denken. Werden Frauen sprachlich übersehen, weggelassen oder mit dem männlichen Ausdruck „mitgemeint“, ist das zwar bequem, aber höchst respektlos gegenüber mehr als der Hälfte der Bevölkerung. Darüber sollten wir sprechen und diskutieren dürfen.

Liebe Leserinnen und liebe Leser,

 

vor dem Weltfrauentag am 8. März hatte ich in meiner Dienststelle, dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, in meiner Funktion als Gleichstellungsbeauftragte wie jedes Jahr ein hausinternes Info an die Kolleginnen und Kollegen herausgegeben. Ein kleiner Absatz des zweiseitigen Infoblattes regte zu einer Diskussion zum Thema Gendern der Nationalhymne an – wie es in anderen Ländern bereits erfolgt ist.

Die „Bild am Sonntag“ griff das auf, berichtete und kommentierte am 4. März auf den Seiten 1 bis 3 ausführlich. Die übrige Presse, Fernsehen und Rundfunk schlossen sich an. Offensichtlich wurde ein Nerv getroffen. Bereits am Montag wurde ich informiert, dass schon Tausende Reaktionen eingetroffen seien. Die Kommentare waren überwiegend sehr emotional und von bösartigen Angriffen auf meine Person begleitet. Kleine Ursache, große Wirkung.

 

Damit sich alle ernsthaft an Gleichstellung interessierte ein eigenes Bild von meiner „Tat“ machen können, hier die entsprechende Passage aus dem Info:

 

Am Internationalen Frauentag haben wir Frauen das Wort und so mache ich - nach dem Motto einer früheren Auditorin des Hauses „man darf Menschen durchaus eine Diskussion über ungewöhnliche Themen anbieten“ - einen Vorschlag: Warum gendern wir nicht unsere Nationalhymne, das Deutschlandlied? Nach Österreich 2012 hat Ende Januar 2018 auch Kanada seine Hymne angepasst und die Worte „in all thy sons“ zu „in all of us“ gegendert. Wir dagegen sollen noch immer „brüderlich mit Herz und Hand“ vom „Vaterland“ singen. Wie wäre es mit „Einigkeit und Recht und Freiheit/für das deutsche Heimatland!/Danach lasst uns alle streben/couragiert mit Herz und Hand!//Einigkeit und Recht und Freiheit/sind des Glückes Unterpfand./Blüh im Glanze dieses Glückes,/blühe, deutsches Heimatland“? Täte gar nicht weh, oder? Und passt zudem auch zum neuen Bundesministerium des Inneren und für Bau und Heimat (oder so ähnlich).

 

Doch eigentlich ganz harmlos. Wäre es meine Absicht gewesen, mich an der Ikone der deutschen Germanistik und Geschichte, Hoffmann von Fallersleben, zu vergreifen, wie mir vielfach vorgeworfen wurde, hätte es andere Themen gegeben, die die auch vorhandenen Schattenseiten seiner Persönlichkeit hätten beleuchten können, wie seine Meinung über den notwendigen Hass auf die Franzosen, diese „Scheusale und tollen Hunde“, seine antijüdischen Gedichte oder das Annehmen des Herkunftsnamens von Fallersleben, um sich von anderen Hoffmanns wie Heinrich Hoffmann, dem Autor des Struwwelpeter, zu unterscheiden, was eine gewisse Tendenz zur narzisstischen Persönlichkeit zeigt. Auch sein Frauenbild hätte Thema sein können. Es stimmen die Hinweise, dass in seinem „Lied der Deutschen“ Frauen explizit erwähnt werden, Männer aber nicht. So heißt es in der zweiten Strophe „Deutsche Frauen, Deutsche Treue, Deutscher Wein und Deutscher Sang….“. Wein, Weib und Gesang in einem Lied, das ursprünglich nicht als Nationalhymne, sondern als Trinklied konzipiert wurde. Die erste und zweite Strophe aber singen wir zu Recht nicht mehr als Nationalhymne. Da denkt sich die Gleichstellungsbeauftragte ihren Teil, besonders zu einem Mann, der erst mit 51 Jahren geheiratet hat: seine 18-jährige Nichte.

 

Mein Thema aber war und ist die Gleichstellung von Männern mit Frauen, hier und jetzt. Da wurde mir gerne der Spruch: „Warum hat die Schraube eine Mutter aber keinen Vater?“ aus dem Kommentar der Chefredakteurin der BamS, Marion Horn, als ironische Widerlegung der Notwendigkeit zu Gendern entgegengehalten. Das ist völlig unreflektiert, denn Schrauben haben keine Mütter, sondern Muttern. Aber der Sexismus in der Bevölkerung hat viele Väter und - wie sich leider gezeigt hat - auch unter den Frauen.

 

Dagegen gendern wir an, zumindest alle die, die sich für Gleichstellung und Gleichbehandlung von Frauen in welchem Bereich auch immer, interessieren und einsetzen.

 

In diesem Sinne grüße ich Sie herzlich

 

Ihre Kristin Rose-Möhring

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3 Kommentare zu diesem Beitrag
kommentiert am 24.05.2018 um 10:54:
Liebe Kristin Rose-Möhring, da haben Sie wirklich einen Nerv getroffen! Wer die Diskussion verfolgt hat, glaubte seinen Ohren und Augen nicht trauen zu dürfen: Auf der einen Seite werden –zu recht!- Despoten kritisiert, die die Meinungsfreiheit ihrer Bevölkerung mit harschen Mitteln einschränken, auf der anderen Seite sprechen dieselben Leute hier ein Denkverbot aus, weil ihnen das Thema nicht passt. Da wird den Frauen sozusagen das Kopftuch entrissen, um ihnen damit gleich den Mund zu stopfen. Das "Lied der Deutschen" ist 177 Jahre alt. Wieso sollte es da nicht angebracht sein, darüber nachzudenken, ob der Text noch passend ist? 1952 haben sich der damalige Bundeskanzler und der Bundespräsident auf diese Nationalhymne einigen. Vielleicht wäre es anders ausgegangen, wenn damals eine breite Öffentlichkeit beteiligt worden wäre? Offenbar ist dieses Vorgehen aber einfacher zu akzeptieren, als eine offene Diskussion zuzulassen. Ich finde, es sollten sich noch viel mehr Leute Gedanken zum Text machen. Wie wir sehen, gibt es dazu gute Ideen! Und die tun nicht weh, sondern sind ein wichtiger Teil unserer Demokratie. Danke für diesen Denkanstoß und herzliche Grüße Roswitha Rabe-Mumme
kommentiert am 30.04.2018 um 12:10:
Sehr geehrte Frau Rose-Möhring, zunächst meinen herzlichen Dank für Ihre Denkanstöße zum "Lied der Deutschen". Gleich vorweg: Ich bin Österreicher und lebe seit über 30 Jahren in Deutschland. Das textliche Überformen der österreichischen Hymne habe ich skeptisch verfolgt - nicht des Inhalts wegen, sondern wegen der holprigen Entstellung des Reimes. Die Kunst ist frei und autonom. Wir sollten uns also hüten vor einer Genderzensur des individuellen oder kollektiven Kunstwerkes. Andererseits: eine Hymne ist eine von der Gesellschaft in ihren Dienst gestellte Kunstform. Und wenn es dieser Gesellschaft ernst damit ist, sich erst durch die Teilhabe aller zu konstituieren und zu definieren, dann müssen dies auch die Symbole und Rituale dieser Gesellschaft ausdrücken. Mehr noch: die Haltung, die aus "Hoheitszeichen" einer Gesellschaft spricht, ist immer zugleich Wirklichkeit und Anspruch und damit Ausdruck des gemeinsamen Wollens einer beständigen, verbessernden Veränderung. Das Gedicht von Hoffmann von Fallersleben ist als Kunstwerk unantastbar, als adaptierte Hymne nicht. Wenn nicht mehr alle sie singen können, müssen eben neue Worte gefunden werden, ohne alle alten aufzugeben. Hier gilt es, die Tradition zu bewahren, wo sie die Freiheit zeitlos besingt, und einzugreifen, wo sie sich uns Heutigen ins Gegenteil verkehrt hat. Soweit, vermute ich, sind wir uns einig. Allein: mit Ihrem Änderunsvorschlag bin ich nicht einverstanden. "Couragiert" benennt einen wichtigen Aspekt, aber trifft nicht den Kern. Ein "Lied der Menschen in Deutschland" darf und soll weiter gefasst werden. Ich erlaube mir daher - als europäischer Migrant - folgenden Alternativvorschlag zur Diskussion zu stellen: Einigkeit und Recht und Freiheit für ein gutes deutsches Land: Danach lasst uns alle streben, eines Herzens, kluger Hand! Einigkeit und Recht und Freiheit sind des Glückes Unterpfand: Blüh' im Glanze dieses Glückes, blüh' als freier Menschen Land! Die Melodie ist ja auch von einem Österreicher... Nehmen Sie meinen Vorschlag also als einen kleinen weiteren Knoten in einem inklusiven europäischen Netzwerk. Es grüßt Sie herzlich, Ihr Axel philipp Loitzenbauer
kommentiert am 12.04.2018 um 15:35:
"...Täte gar nicht weh, oder?...." Dem kann ich nur von Herzen zustimmen! Insbesondere die Wortwahl "couragiert" gefällt mir, denn von einer wirklich inklusiven und gleichberechtigten Behandlung/Teilhabe sind neben Frau auch Menschen mit Behinderung betroffen. Da kann und muss die Sprache doch nur ein erster Schritt in die richtige Richtung sein!
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