Schwestern von gestern 20: Ernestine Rose

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„Freiheit fällt nicht vom Himmel. Wer sie liebt, muss sie sich erkämpfen.“ Dieser Satz von Ernestine Rose könnte als Maxime für ihr ganzes Leben stehen, denn als Erwachsene sagte sie über sich selbst: „Ich war bereits mit fünf eine Rebellin.“ Und Gründe zum Rebellieren hatte sie wirklich, denn der Beginn ihres Lebens war nicht einfach.

Sie wird am 13. Januar 1810 als einziges Kind eines jüdisch-orthodoxen Rabbis im russischen Polen geboren. Ihre Mutter stirbt, als sie ein kleines Mädchen ist und ihr Vater erzieht sie streng nach den Regeln des jüdischen Glaubens. Diese Regeln, insbesondere die über das Verhalten jüdischer Mädchen und Frauen, stellt sie früh in Frage und will sie mit ihrem Vater diskutieren.


Dieser jedoch verlobt sie, um ihr die Verpflichtungen gegenüber der jüdischen Religion zu verdeutlichen, im Alter von 16 gegen ihren Willen mit einem seiner jüdischen Freunde. Verzweifelt wendet sie sich an die polnischen Gerichte, die in dieser Zeit notorisch judenfeindlich sind. Es gelingt ihr jedoch, den Richter zu überzeugen, und sie erreicht, dass nicht nur ihre Verlobung für nichtig erklärt wird, sondern dass sie auch das große Erbe ihrer Mutter behalten darf, das im Fall der Eheschließung an ihren Mann gefallen wäre.

 

Sie verlässt ihren Vater und geht nach Berlin, in dieser Zeit eine der bedeutendsten Kulturstädte der Welt, nur um erneut mit den Beschränkungen des täglichen Lebens konfrontiert zu werden, die für Menschen jüdischen Glaubens gelten. Sie ist so schockiert, dass sie sich an den preußischen König wendet und eine Audienz verlangt. Diese wird gewährt und der König räumt ihr sowohl ein unbegrenztes Aufenthaltsrechts als auch freie Berufswahl ein. Dies ist für sie entscheidend, denn sie muss sich ihren Lebensunterhalt selbst verdienen.

 

1829 geht sie nach England, wo sie den walisischen Sozialreformer Robert Owen kennenlernt. Der ist von ihrem scharfen Verstand, ihrer Rhetorik und ihrer Begabung zur Diskussion schwieriger Themen so beeindruckt, dass er sie auf seinen Veranstaltungen als Rednerin vor Tausenden von Menschen präsentiert, obwohl ihr Englisch noch nicht sehr gut ist.


Ein Anhänger von Robert Owen ist auch William Ella Rose, ein wohlhabender Juwelier christlichen Glaubens, den Ernestine standesamtlich heiratet – Religion lehnt sie für sich inzwischen strikt ab - und mit dem sie 1836 nach Amerika auswandert. Das Paar zieht nach New York und engagiert sich politisch.

 

1838 legt Ernestine Rose eine Petition für einen Gesetzentwurf zur Verbesserung der Eigentumsrechte von Frauen vor. Dies ist die erste jemals von einer Frau eingebrachte Petition. Im ersten halben Jahr kann sie nur fünf Frauen für eine Unterschrift gewinnen, aber sie lässt sich nicht entmutigen. Sie gewinnt als Mitstreiterinnen u.a. Susan B. Anthony und Elizabeth Cady Stanton (siehe Blog Schwestern von gestern (13): Elizabeth Cady Stanton vom 5.10.2015) und das Gesetz wird schließlich 1849 erlassen. Diese Frauen gelten noch heute als die Wegbereiterinnen der Frauenrechtsbewegung in den USA.


Rückblickend erklären später ihre Mitstreiterinnen, dass u.a. Ernestine Roses radikale Ideen zu Demokratie und Religion zu der berühmten „Seneca Falls Convention“ von 1848 führten.

 

1850 bringt Ernestine Rose auf dem ersten nationalen Frauenrechtskongress in Worcester, Massachusetts eine Resolution zur politischen, rechtlichen und gesellschaftlichen Gleichstellung von Frauen ein und avanciert in den folgenden Jahren zum „Star“ öffentlicher Debatten und Diskussionsveranstaltungen, an denen bis zu 2.000 Menschen teilnehmen; einmal dauert eine solche Debatte 13 Wochen.


Sie wird weit über die Grenzen New Yorks bekannt und bereist in den folgenden zwei Jahrzehnten mehr als 20 Bundesstaaten, um ihre Vorstellungen zu präsentieren. Sie gilt als „Königin des Redepults“ (Queen of the Platform). Sie muss sich aber auch als „weiblicher Atheist“ beschimpfen lassen – in einer sehr religiös bestimmten Gesellschaft ein schwerer Vorwurf – und wird von amerikanischen Geistlichen als „schlimmer als eine Hure“ geschmäht.

 

1860 tritt im Staat New York ein Gesetz in Kraft, das Frauen weitgehende Rechte an ihrem Eigentum und Erbe, bei Bankgeschäften, vor Gericht und in der Erziehung ihrer Kinder einräumt. 1869 gründet Ernestine Rose zusammen mit Elizabeth Cady Stanton, Susan B. Anthony und Lucy Stone die „National Woman Suffrage Association“ (Nationale Frauenwahlrechtsvereinigung), kehrt allerdings im gleichen Jahr wegen ihres schlechten Gesundheitszustands gemeinsam mit ihrem Mann nach England zurück. So erlebt sie nur aus der Ferne, dass in den Vereinigten Staaten am 30. März 1870 der 15. Verfassungszusatz in Kraft tritt, der allen Bürgern das Wahlrecht garantiert – unabhängig von „Rasse, Hautfarbe oder früherer Dienststellung“. Damit wird als Konsequenz aus dem amerikanischen Bürgerkrieg allen Männern, auch den ehemaligen Sklaven, das Wahlrecht eingeräumt; Frauen aber bleiben erneut ausgeschlossen.

 

Ab 1873 engagiert Ernestine Rose sich nach ihrer Gesundung auch in England in der Frauenwahlrechtsbewegung. Als jedoch ihr Mann, ihr lebenslanger Partner und Förderer ihrer Ideen, 1882 stirbt, zieht sie sich aus dem öffentlichen Leben zurück. 1892 stirbt auch sie im Alter von 82 Jahren in Brighton.

 

Sie ist sich der Leistungen all der Frauen sehr bewusst, die wie sie um gleiche Rechte für Frauen und Männer gekämpft haben, als sie 1856 sagt: „Man hört sehr viel über den Mut auf dem Schlachtfeld. Verglichen mit dem Heldenmut der Frau, die um ihr Recht kämpft, versinkt er in tiefster Bedeutungslosigkeit. Sich dem Feuer einer voreingenommenen und ungerechten öffentlichen Meinung zu stellen, nicht nur dem Feind dort draußen, sondern oft auch den eigenen Freunden mutig entgegenzutreten, dazu bedarf es eines Heldenmutes, von dem die Welt bislang keine Notiz nimmt.“

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