Das Klischee vom langweiligen Dasein der Beamten

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Oder: wie mich ein unbedachtes Wort einer Freundin viel zu lange beschäftigte.

Liebe Leserinnen und Leser,

vor kurzem unterhielt ich mich mit einer guten Freundin über eine Stellenausschreibung, mit der das Land NRW um Fachkräfte warb. Es wurde ein Beamtenverhältnis im höheren Dienst angeboten. Ich hob an, ihr die Arbeitsinhalte und –bedingungen schmackhaft zu machen, aber sie unterbrach mich unwirsch und meinte, ja, sie wisse, dass mir Sicherheit viel bedeute, aber für sie sei der Begriff „Beamter“ eben mit Langeweile verbunden. Es entstand eine kurze, unangenehme Gesprächspause und bevor ich reagieren konnte, hatte sie unsere Unterhaltung auf ein anderes Thema gelenkt.

Gerne hätte ich ihr erläutert, warum mir als junger Mann, der von einer lange Zeit arbeitslosen Alleinerziehenden liebevoll aufgezogen wurde, die Arbeitsplatzsicherheit im öffentlichen Dienst so wichtig war. Ich wollte ihr erklären, weshalb es mir die materielle Unabhängigkeit als Beamter so einfach macht, demnächst als Sachverständiger in einer Anhörung des Landtags wichtige Teile des Gesetzesentwurfs „meiner“ Landesregierung öffentlich zu kritisieren.

Was mich jedoch richtig wurmte, war, dass ich nicht auf das Argument der Langeweile eingehen konnte. Obwohl sie meine Tätigkeit als Professor damit wohl nicht gemeint hatte, fühlte ich mich getroffen und war ärgerlich. Seit 1998 bilde ich gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen aus der Hochschule und den Einstellungsbehörden Verwaltungsbeamte für das Land und die Kommunen in NRW sowie Polizeibeamte aus. Von meinen Studierenden und den inzwischen zahlreichen Absolventen bekomme ich mit, wie verantwortungs- und anspruchsvoll die Jobs in den Ausländerämtern, den Sozialämtern, den Bürgerämtern, den Bauämtern, den Jobcentern, den Ordnungsämtern oder den Jugendämtern sind. Ich bekomme mit, welchem Stress, welchen psychischen Anforderungen die jungen Verwaltungsbeamten ausgesetzt sind. Den Gefahren und Bedrohungen, denen insbesondere die Polizisten ausgesetzt sind, möchte ich nicht standhalten müssen.

Jedes Jahr im August ist die Abschlussfeier unserer Studierenden. Gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen sitze ich in der ersten oder zweiten Reihe einer großen Halle, höre meist langatmige Grußworte, teilweise alberne, teilweise tiefgründige Reden und nicht enden wollende Musikstücke einer semiprofessionellen Band. Da fühle ich mich gelegentlich als Claqueur missbraucht. Wenn jedoch die Studierenden auf die Bühne kommen und ihre Urkunden erhalten, werde ich nachdenklich: Auf den Schultern dieser Nachwuchsbeamten liegt eine große Last.

Sie werden ganz wesentlich dafür verantwortlich sein, dass unsere dünne Decke der Zivilisation hält. Mit ihrer Arbeit werden sie gewährleisten, dass unsere Gesellschaft menschlich bleibt. Die Beschäftigten im öffentlichen Sektor unterstützen die Kranken, Armen und Benachteiligten. Sie schaffen für uns alle die Vorraussetzungen für ein angenehmes Leben. Wenn ich den Wasserhahn öffne und mich am sauberen Wasser labe, sollte ich mich daran erinnern, dass ich dies auch der planerischen Leistung von Verwaltungsbeamten zu verdanken habe. Bevor ich mich das nächste Mal über eine rote Ampel ärgere, sollte mir klar werden, welchen Luxus der oftmals schnelle und sichere Verkehr von Menschen, Gütern und Daten darstellt und dass ich dies wesentlich auch dem Staat und seinen Bediensteten zu verdanken habe. Auch Beamte schützen uns vor der Macht des Stärkeren, der Raffgier der Großkapitalisten und der Zerstörungswut von Umweltfrevlern. In Schulen und Hochschulen tragen sie dazu bei, dass diese Gesellschaft nicht in den Morast der Dummheit und des naiven Glaubens zurückrutscht. Beamte und andere Beschäftigte schaffen die staatliche Ordnung, die dem Einzelnen ermöglicht, seine individuellen Ziele anzustreben, seinen Neigungen nachzugehen und in vielfältiger Weise frei zu sein.

Die Vorkommnisse der letzten Silvesternacht machen deutlich, welche Leistungen der Staat und seine Bediensteten üblicherweise erbringen. In den ersten Stunden des neuen Jahres versagte der Staat, und es herrschte an vielen Orten in Deutschland ein gewalttätiger Mob. Bürgerinnen und Bürger wurden bedroht, beraubt, geschlagen, belästigt, vergewaltigt. Die Folgen sind kaum zu übersehen. Viele Frauen und Männer trauen sich jetzt nicht mehr in die Öffentlichkeit, suchen den Schutz der eigenen vier Wände und sind in ihrer Freiheit beschnitten. Hier ist die Decke der Zivilisation kurzzeitig zerrissen und unter der Decke lugten die dunklen, zu beherrschenden Seiten von uns Menschen hervor.

Es wird an den Beschäftigten des öffentlichen Sektors liegen, dass dieses Versagen des Staates und diese massive Beeinträchtigung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung eine Ausnahme bleibt. Und ebenso werden diese einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, andere Herausforderungen zu meistern, die sich z. B. aus dem Klimawandel, dem demografischen Wandel, Naturkatastrophen oder volkswirtschaftlichen Erschütterungen ergeben.

Das Wirken von Beamtinnen und Beamten sowie anderen Beschäftigtengruppen im öffentlichen Sektor ist vieles – aber eines nicht: langweilig. Ehrlich gesagt warte ich nur darauf, dass mir jemand wieder das Klischee des langweiligen Beamtendaseins unter die Nase reibt. Für das nächste Mal bin ich gewappnet!

Herzliche Grüße an alle vermeintlichen Langweiler!

Ihr
Andreas Gourmelon

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1 Kommentar zu diesem Beitrag
kommentiert am 09.03.2016 um 11:36:
Hallo Herr Gourmelon, ich danke Ihnen für die klaren Worte, die Sie gefunden haben. Ich bin im kommunalen Bereich beschäftigt. Hier hat sich seit Jahrzehnten die Ansicht der "konumierenden" Bürger nicht geändert: Beamte schaffen nichts und sitzen die Zeit nur ab. Um den Rund-um-Schlag zu kompletieren werden die Angestellten im öffentlichen Dienst gleichgesetzt und in diese "Kritik" hinein gezogen. Ich kann schon verstehen, dass es für BürgerInnen ärgerlich ist, z. B. bei der Beantragung des Personalausweise sehr lange zu warten, bis man zur Bearbeitung aufgerufen wird. Aber keiner sieht (und die Beschäftigten/BeamtInnen dürfen es natürlich nicht öffentlich sagen), unter welchen Bedingungen gearbeitet wird; welche Bearbeitungs- und Terminvorgaben (durch die Politik) gemacht werden. Oder auf welche (politischen) Befindlichkeiten bei der Bearbeitung Rücksicht genommen werden muss. Nicht nur in der Wirtschaft werden Stellen abgebaut. Auch in der Verwaltung. Aber die Bürgerschaft soll davon nichts merken, im Gegenteil, das Angebot wird weiter ausgebaut. Jedoch ohne Aufstockung des Personals. Grüße aus der Verwaltung
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