Fünfzehn Tipps zur Vorbeugung von Mobbing-Attacken

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In den ersten Wochen nach Antritt einer Stelle werden die entscheidenden Weichen gestellt, ob sich eine neue Mitarbeiterin oder ein neuer Mitarbeiter erfolgreich in eine bestehende Arbeitsgruppe einfügt oder im Extremfall zum Mobbing-Opfer wird. Auf diese Weichenstellung kann die oder der Neue in beträchtlichem Maß Einfluss nehmen.

Liebe Leserinnen und Leser,

seit durch den schwedischen Arbeitswissenschaftler Leymann im Jahr 1993 der Begriff Mobbing im deutschsprachigen Raum eingeführt wurde, erregte dieses Thema höchste Aufmerksamkeit in den Betrieben, der Wissenschaft und den Medien. Die Fachöffentlichkeit war anfangs den Thesen Leymanns gegenüber skeptisch eingestellt, bald stellte sich jedoch heraus, dass tatsächlich ein nicht unbeträchtlicher Anteil der Beschäftigten am Arbeitsplatz Psychoterror ausgesetzt ist und extrem unter dessen Folgen leidet. Konsequenterweise wurden von Insti-tutionen wie Krankenkassen, Gewerkschaften und Parteien Initiativen ergriffen, um dem Problem Herr zu werden. Auch die Arbeitgeber ergriffen Maßnahmen, um ihre kostbarste Ressource – engagierte und kreative Mitarbeiter/innen – zu schützen.

 

 

Was ist Mobbing?

Unter Mobbing versteht man absichtliche und systematische Handlungen im Arbeitsleben, die darauf ausgerichtet sind, das oder die Opfer zu schädigen. Beispiele für derartige Handlungen sind:

  • der Vorgesetzte schränkt Ihre Möglichkeit ein, sich zu äußern,
  • durch Drohungen wird Druck ausgeübt,
  • Sie erhalten Arbeitsaufgaben, die nicht Ihrer Qualifikation entsprechen,
  • man schließt Sie von Besprechungen und Gesprächen aus,
  • falsche Gerüchte werden verbreitet,
  • man macht sich über Besonderheiten (z.B. Herkunft, Aussehen) Ihrer Person lustig,
  • Arbeitsergebnisse werden verfälscht.

Um von Mobbing zu sprechen, müssen diese Handlungen über einen längeren Zeitraum wiederholt ausgeführt worden sein. Eine einmalige aggressive Handlung wird nicht als Mobbing bezeichnet.

Gemäß den Ergebnissen der European Working Condition Surveys aus dem Jahr 2015 kann davon ausgegangen werden, dass bis zu 5 % der Beschäftigten von Mobbing betroffen sind (Statistisches Bundesamt, 2018). Mobbing wird von Vorgesetzten, Kollegen und Mitarbeitern betrieben. Dabei handeln die Täter selten allein, überwiegend agieren sie in Gruppen. Opfer von Mobbing-Handlungen können Inhaber aller hierarchischen Positionen sein, überwiegend trifft es jedoch rangniedere Beschäftigte.

 

 

Folgen und Ursachen

Das monate-, oft jahrelange Ausgesetztsein von massiv aggressiven Handlungen führt bei den Opfern zu gravierenden Beeinträchtigungen der psychophysischen Gesundheit. Zu den Hauptsymptomen zählen Nervosität, Schlaf- und Konzentrationsschwierigkeiten, Angstzustände, Suchtmittelmissbrauch, Reizbarkeit und Depressionen. Den Arbeitgebern entstehen Kosten nicht nur durch stark steigende krankheitsbedingte Fehlzeiten, sondern auch durch Kündigungen und Versetzungen, ineffektives Arbeitsverhalten sowie juristische Auseinandersetzungen.

 

Die Ursachen von Mobbing-Handlungen sind vielfältig: sie reichen von sich den Mitarbeitern unterlegen fühlenden Vorgesetzten, Langeweile, persönlichen Feindschaften, speziellen Persönlichkeitsmerkmalen des zukünftigen Opfers (z.B. Rechthaberei), schlechter Arbeitsorganisation, stressreicher Arbeit bis hin zur „inoffiziellen Personalarbeit“ (um missliebige Mitarbeiter los zu werden). In vielen Fällen beginnt Mobbing unmittelbar nach Antritt einer neuen Arbeitstelle. Durch eine empirische Studie kommen Knorz und Zapf (1996) zu der Erkenntnis, dass bei etwa einem Drittel der insgesamt gemobbten Personen die Mobbingaktivitäten innerhalb der ersten sechs Monate nach Beginn einer neuen Tätigkeit begonnen haben. Rayner (1997) kommt bei englischen Arbeitnehmern zu einem ähnlichen Ergebnis: 19 % der Befragten wurden innerhalb der ersten zwei Wochen und weitere 23 % innerhalb der ersten zehn Wochen nach Antritt einer neuen Arbeitsstelle gemobbt. Die neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind folglich einer nicht unbeträchtlichen Gefahr ausgesetzt, Opfer von Mobbing zu werden.

 

 

Mobbing-Opfer! Und dann?

Welche Chancen haben nun Mobbing-Opfer, die Situation zu verbessern bzw. aus der Opferrolle herauszukommen? In Anlehnung an Neuberger (1999) sowie Knorz und Zapf (1996) lässt sich hier nur ein pessimistisches Bild zeichnen: Nur wenigen Gemobbten gelingt es mit Unterstützung durch Dritte ihre Situation am Arbeitsplatz zu verbessern - ohne fremde Hilfe ist eine Verbesserung so gut wie unmöglich. Nach meiner Auffassung und Erfahrung  ist einer gemobbten Person unter alleiniger Berücksichtigung des Ziels „Erhaltung oder Verbesserung der psychophysischen Gesundheit“ zu empfehlen, der Mobbing-Situation zu entfliehen, also den aktuellen Job aufzugeben und die Arbeitsgruppe so bald wie möglich zu verlassen.

 

 

15 Tipps für die Neuen und die Berufsanfänger

Wie aus obigen Ausführungen deutlich wird, sollte man es von vornherein vermeiden, in eine Mobbing-Situation zu geraten. Eine besondere Risikogruppe stellen Mitarbeiter/innen dar, die ihre Arbeitsstelle gerade angetreten haben. Dieser Gruppe  sind die folgenden Hinweise gewidmet, mit denen das Risiko, ein Mobbing-Opfer zu werden, minimiert werden soll. Die auf einzelne Personen bezogenen Hinweise zur Prävention von Mobbing sind nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung für organisationsbezogene Maßnahmen zur Mobbing-Prävention wie z.B. Anti-Mobbing-Konventionen, Betriebsvereinbarungen, Einsatz von Mobbing-Beratern oder Schulungsmaßnahmen für Mitarbeiter und Führungskräfte zu verstehen.

 

Im Rahmen von Beratungen und Coachings haben Kollegen/innen und ich vielfältige Kontakte mit Personen gehabt, die sich mehr oder weniger erfolgreich in Arbeitsgruppen integriert haben. Aus den Erlebnissen dieser Personen wurden die nachfolgenden Hinweise und Empfehlungen abgeleitet1. Angesichts der hohen Variabilität menschlicher Erlebens- und Handlungsweisen ist es nachvollziehbar, dass nicht jeder Hinweis für jede Person hilfreich sein kann. Dem Leser obliegt es zu prüfen, ob der jeweilige Hinweis in seiner ganz speziellen beruflichen und persönlichen Situation nutzbringend umgesetzt werden kann.

 

 

Beachtung von Gruppenregeln

Neue Gruppenmitglieder sollten zu Beginn ihrer Tätigkeit sehr darauf achten, welche Normen und Gewohnheiten in einer Arbeitsgruppe vorherrschen und diese – soweit möglich – einhalten. Beispiele für solche selten explizit kommunizierten Regeln sind: „neue Kollegen müssen eine Einstandsfeier organisieren“, „die Arbeitsgruppe geht mittags gemeinsam in die Kantine“, „niemand darf eleganter gekleidet sein als die Chefin“, „man spricht nicht positiv vom Vorgesetzten“, „die nahe am Haus gelegenen Parkplätze sind für die dienstälteren Kollegen reserviert“. Der Verstoß gegen diese – rational gesehen meist unsinnigen – Normen verunsichert die etablierten Gruppenmitglieder und fördert deren Bereitschaft, den/die Neue auszugrenzen.

 

 

Ähnlichkeiten herausstellen

Zu Beginn der Mitgliedschaft in einer Arbeitsgruppe sollten auch eher die Ähnlichkeiten als die Unterschiede in Arbeitsweise und Lebensführung herausgestellt werden. Wahrgenommene Ähnlichkeit fördert die Sympathie und diese ist ein guter Schutz gegen aggressive Handlungen. Ein Negativbeispiel wäre es, wenn der Neue auf seiner Einstandsfeier ungefragt im Kreise der Würstchen essenden Kollegen erläutert, dass er Veganer sei und es als moralisch verwerflich empfinde, Fleisch zu essen. Im Sinne der Empfehlung handelte eine neue Kollegin, die beim Kaffeekränzchen fallen lässt: „Sie fahren doch auch den neuen Volkswagen. Wie sind Sie denn mit dem Auto und der Werkstatt zufrieden?“.

 

 

Besonderheiten der eigenen Person erläutern

Sofern man Auffälligkeiten / Besonderheiten in der Lebensführung oder der Person aufweist,  sollten diese erläutert werden, damit andere sie nachvollziehen/verstehen können und keine Gerüchte aufkommen: „Vielen Dank für den angebotenen Kaffee, aber ich trinke keinen – ich bekomme von Koffein immer Herzrasen“, „Ich wache jeden Tag schon sehr früh auf. Deshalb nutze ich gerne die Zeit und fange früh mit der Arbeit an“, „Ich muss mir bei Dienstbesprechungen einfach Notizen machen – das ist alles so neu für mich, so dass ich schnell etwas vergessen würde, wenn ich es nicht schriftlich festhielte“, „Ihre Torte sieht wirklich lecker aus, aber ich muss leider ablehnen – ich vertrage kein Milcheiweiß“.

 

 

Den Kontakt zu den Kollegen suchen           

Für neue Mitarbeiter gilt es weiterhin, das Gespräch mit und den Kontakt zu möglichst vielen Kollegen/innen zu suchen. Oftmals ist zu beobachten, dass neue Kollegen sich möglichst schnell und mit aller Kraft in ihr Tätigkeitsfeld einarbeiten wollen. Aus Sicht von Außenstehenden verbarrikadieren sie sich an ihrem Schreibtisch hinter Bergen von Vorgängen. Sie sind besonders fleißig und konzentriert und bemerken die zarten Versuche der Kontaktaufnahme durch Kollegen nicht. Diese interpretieren dieses Verhalten schnell als Folge eines ungeselligen und abweisenden Wesens des Neulings und ziehen sich von diesem zurück.

 

 

Eigene Kompetenzen nicht in den Vordergrund stellen

Neue Mitglieder einer Arbeitsgruppe sollten ihre Kompetenzen und Fähigkeiten nur maßvoll zur Schau stellen. Niemand hört gerne ungefragt (und erst recht nicht von irgendwelchen „Jungspunden“), wie veraltet und überholt die eigene Arbeitsweise ist. Negativbeispiel: „An der Fachhochschule habe ich gelernt, dass diese Methode der Wirtschaftlichkeitsrechnung, die Sie hier anwenden, keine exakten Ergebnisse liefert und viel zu aufwändig ist“. Geschickter ist es, wenn die alten Gruppenmitglieder neugierig gemacht werden und von selbst nachfragen: „Das sieht ziemlich schwierig aus, wie Sie die Wirtschaftlichkeitsrechnung durchführen. Professorin Meier hat uns eine neuartige Methode erläutert, von der sie behauptet, dass sie einfacher anzuwenden wäre und ebenfalls genaue Ergebnisse liefern würde. Wenn Sie möchten, kann ich mal meine Vorlesungsaufzeichnungen mitbringen“.

 

 

Den neuen Kollegen nützlich sein

In jeder Arbeitsgruppe gibt es Zusatzaufgaben, die mehr oder weniger attraktiv sind. Ein neues Gruppenmitglied sollte sich über diese Aufgaben schnell einen Überblick verschaffen und auch die jeweilige Attraktivität einschätzen. Es ist zu vermeiden, mit den etablierten Gruppenmitglieder um die attraktiveren Tätigkeiten zu konkurrieren. Vorteilhaft für die Integration in die Gruppe ist eher die Übernahme von Tätigkeiten, die aus Sicht der Gruppe eine geringere Attraktivität aufweisen und auf deren Ergebnis jeder angewiesen ist. Beispiel: In vielen Arbeitsgruppen muss die EDV betreut und teilweise auch gewartet werden. Falls Sie sich für IT interessieren können, nutzen Sie die Chance, indem Sie sich bereit erklären, die Betreuung der EDV zu übernehmen oder sich in dieses Aufgabenfeld einzuarbeiten. Sie entlasten Ihre Kollegen damit nicht nur von einer evtl. unangenehmen Arbeit, Sie machen sich damit auch schwerer angreifbar. Wer will sich denn ernsthaft mit demjenigen anlegen, auf den man immer wieder beim Ausfall des eigenen Terminals oder PC angewiesen ist?

 

 

Auch mal unattraktive Dienst- oder Urlaubszeiten übernehmen

In engem Zusammenhang zu dem vorgenannten steht der folgende Hinweis: Bei der Verteilung von Dienst- oder Urlaubszeiten ist es für ein neues Gruppenmitglied vorteilhaft, auch unattraktive Dienst- oder Urlaubszeiten zu übernehmen. Entlasten Sie Ihre Kollegen/innen in schwierigen Situationen und Sie werden deren Unterstützung in anderen Angelegenheiten gewinnen! Stellen Sie die Übernahme der unattraktiven Zeiten nicht als Selbstverständlichkeit dar, sondern machen Sie den Kollegen/innen bewusst, dass auch sie dadurch auf Annehmlichkeiten verzichten müssen: „In der Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr wollte ich mit meiner Freundin eigentlich Ski fahren. Aber wenn Sie in den letzten Jahren während dieser Zeit immer Dienst hatten, ist es verständlich, dass Sie dieses Jahr mal bei Ihren Kindern bleiben möchten. Na, da werde ich heute Abend ein paar Blumen mit nach Hause bringen, damit das Donnerwetter meiner Freundin nicht allzu heftig wird.“

 

 

Schweigen ist Gold         

Ihre Karriereambitionen sollten Sie den neuen Kollegen nicht  „unter die Nase reiben“. Vermeiden Sie es, als karrieregeil abgestempelt zu werden und rasch ins Visier der Mobber zu geraten. Dass Ihr Chef mit Ihren Arbeitsleistungen zufrieden ist, sollten Sie hingegen in bescheidener Art den Kollegen mitteilen: „Der Chef hatte Gott sei Dank an dem Schreiben nichts auszusetzen“. Damit deuten Sie an, dass Sie in fachlicher Hinsicht für den Vorgesetzten nützlich sind. Ein potentieller Mobber müsste mit Sanktionen des Chefs rechnen, wenn er gegen Sie – dem nützlichen Mitarbeiter – vorgehen würde.

 

 

Mentor suchen

In jeder Arbeitseinheit gibt es unter den Kollegen eine Person, die gruppendynamisch informelle(r) Führer/in oder als „Beliebtester“ ist. Zu erkennen sind diese Personen daran, dass z.B. kaum jemand schlecht über sie spricht, dass sie bei Dienstbesprechungen nicht von anderen Kollegen/innen unterbrochen werden oder dass diese Personen in Arbeitspausen der Mittelpunkt von Gesprächsrunden sind. Suchen Sie die Nähe zu diesen Personen, bitten Sie sie häufig um fachlichen und/oder persönlichen Rat. Durch die Nähe zu und Akzeptanz von dieser Person erleben andere Kollegen diesen als ihren Mentor. Angriffe gegen ihre Person stellten dann auch einen Angriff gegen den – durch seine Beliebtheit – mächtigen Beschützer dar; Mobbing wird dadurch unwahrscheinlicher.

 

 

Sich für eine Seite entscheiden

In größeren Arbeitsgruppen gibt es vielfach Untergruppen, die miteinander um Einfluss und Macht konkurrieren. Im Laufe der ersten Wochen werden die verschiedenen Untergruppen versuchen, Sie für ihre Seite zu gewinnen. Neulinge werden entweder als potentielle Verstärkung der eigenen oder der gegnerischen Koalition angesehen. Es gelingt kaum, sich aus diesen Koalitionsintrigen herauszuhalten – stets gilt der Grundsatz: entweder du bist für mich oder gegen mich – neutrale Positionen gibt es nicht. Bei einigen Neuen ist der Versuch beobachtbar, es allen recht machen zu wollen sowie harmonisch-integrierend zu wirken. Der bayerische Politiker Franz-Josef Strauß hatte für derartige Handlungsweisen einen Ausspruch parat, der mit „everybodys` darling is everybodys` ...“ beginnt und mit einem obszönem Schimpfwort endet. Diejenigen, die keine Bündnisse eingehen, die sich nicht festlegen, sind erstens in größerer Gefahr, Opfer von Intrigen o.ä. zu werden, da sie als relativ schwaches Mitglied der Arbeitsgruppe wahrgenommen werden. Im Falle einer Mobbing-Attacke stehen die Bündnislosen zweitens ohne soziale Unterstützung da, welche die psychischen Auswirkungen von Mobbing deutlich lindern könnte. Deshalb kann es für neue Gruppenmitglieder nur darum gehen, die richtige Koalition auszuwählen.

 

Welche aber ist die richtige Koalition? Neue Gruppenmitglieder sollten zum einen darauf achten, zu welcher Untergruppe der informelle Führer des Teams gehört. Ein weiteres wichtiges Kriterium ist zum anderen, ob die jeweilige Koalition eine grundsätzlich konstruktive Einstellung zu den Aufgaben, Tätigkeiten und Arbeitsweisen der Arbeitseinheit hat. Ist dies der Fall, hat sie einen größeren Einfluss auf den Vorgesetzten und damit auf Dauer ein größeres Machtpotential.

 

 

Umgang mit Konflikten

Zwangsläufig ergeben sich in Arbeitsgruppen Konflikte über Ziele der Arbeitsgruppe und die Durchführung von Tätigkeiten. Wie sollen neue Gruppenmitglieder mit diesen Konflikten umgehen? Bei Auseinandersetzungen über Ziele der Arbeitsgruppe – also der Frage, was gemacht werden soll – ist Neulingen Zurückhaltung anzuraten. Diese grundsätzlichen strategischen Fragen sind das angestammte Revier der etablierten Kollegen/innen, auf der diese ihre Kämpfe austragen und die Konkurrenz von Dritten nicht wünschen und nicht dulden. Bei Auseinandersetzungen über Art und Weise der Durchführung von Tätigkeiten ist zu unterscheiden, ob das neue Gruppenmitglied vom Konflikt direkt betroffen ist oder nicht. Betrifft der Konflikt hauptsächlich die Arbeitsweise der Kollegen/innen, sollte ein neues Gruppenmitglied nur dann eine Meinung äußern, wenn es dazu aufgefordert wird. Dabei sollten Sie sich an der Meinung Ihrer Untergruppe orientieren und zugleich Ihren Standpunkt relativieren: „Naja, wenn Sie mich so fragen: Mein erster Eindruck ist, wir sollten bei der Verteilung der Aufgaben so verfahren, wie es Frau Schmidt vorgeschlagen hat. Allerdings kenne ich mich jetzt nach vier Wochen noch nicht so gut in diesem Bereich aus.“ Sofern das neue Gruppenmitglied direkt vom Konflikt betroffen ist, sollte es unmittelbar und bestimmt - im Ton allerdings nicht aggressiv - reagieren: „Also den Vorschlag, den Bereichsdrucker in meinem Büro aufzustellen, halte ich nicht für akzeptabel. Ich kann nicht konzentriert arbeiten, wenn ständig mein Zimmer aufgesucht wird, um Ausdrucke abzuholen.“ Der Vorteil einer unmittelbaren und bestimmten Darlegung des eigenen Standpunktes ist, dass auf diese Weise der Konflikt einem für alle Seiten konstruktiven Lösungsprozess zugeführt wird. Werden die eigenen Interessen nicht dargestellt und bei der Konfliktlösung nicht berücksichtigt, können leicht neue Konfliktquellen entstehen – so z.B. aus dem Gefühl der Benachteiligung.

 

 

Vorsicht: Anmache          

Insbesondere jüngere Frauen sind als neue Gruppenmitglieder einer besonderen Situation ausgesetzt: Sie werden oftmals von den Teammitgliedern nicht nur als neue Kollegin sondern auch als potentielle Lebens- oder Sexualpartnerin angesehen. Die Zurückweisung von Annäherungsversuchen ist nicht immer einfach. Es besteht dabei die Gefahr, dass sich Kollegen mit Minderwertigkeitskomplexen gekränkt fühlen und dies der Auslöser für Mobbing-Handlungen ist. Gute Tipps, wie Sie mit Flirts und Anmache geschickt umgehen können, haben sicherlich Ihre Freundinnen.  Bei sexuellen Belästigungen sollten Sie sich möglichst rasch an Ihren Vorgesetzten oder die Gleichstellungsbeauftragte wenden.

 

 

Entspannung und Unterstützung suchen

Der Beginn der Berufstätigkeit oder ein Arbeitsplatzwechsel ist für viele Menschen sehr beanspruchend. Neue Aufgaben, neue Kollegen, eine neue Chefin und ggf. sogar ein neuer Wohnort fordern den Einsatz aller psychischer Kräfte. In dieser Situation sind viele sehr angespannt und das kann dazu führen, dass man andere leicht missversteht, ihnen böse Absichten unterstellt und gereizt reagiert. Es ist daher wichtig, in dieser Übergangsphase die Beanspruchung insgesamt so weit wie möglich zu reduzieren. Freizeitaktivitäten sollten dann hauptsächlich der Entspannung dienen, zusätzliche Herausforderungen wie z.B. Teilnahme an Sportwettbewerben, Mitwirkung an Theaterpremieren oder Übernahme von verantwortungsvollen Posten in Vereinen o.ä. sollten unterbleiben. Zur Erhaltung der psychischen Stabilität in dieser sehr belastenden Phase ist die Aktivierung des Familien- und Freundeskreises sehr hilfreich. Lassen Sie sich zum einen von den Freunden und Bekannten ablenken und suchen Sie sich zum anderen einen vertrauenswürdigen, gut zuhörenden Gesprächspartner, mit dem Sie Ihre Erfahrungen in der neuen Arbeitsgruppe reflektieren können. Durch das Erzählen von Erlebnissen verliert so manche Begebenheit an emotionaler Schärfe. Die Rückmeldungen des Gesprächspartners führen dazu, dass Ihre Einschätzung der Absichten, Erwartungen und Einstellungen von Kollegen sowie des Vorgesetzten realistischer - und damit vermutlich auch optimistischer - wird.

 

 

Nicht selbst zum Mobber werden       

Selbstverständlich darf sich niemand – auch nicht auf Aufforderung etablierter Gruppenmitglieder hin – zu schädigenden oder vermeintlich scherzhaften Handlungen gegenüber Kollegen/innen hinreißen lassen. Neue Mitglieder einer Arbeitsgruppe sollten besonderen Wert auf die Regeln der Höflichkeit, des Anstands und der fairen Zusammenarbeit legen, auch wenn sie selber oftmals Gegenteiliges erleben müssen.

 

 

Berufliche Flexibilität und Mobilität

Eine langfristig angelegte Strategie zur Minimierung des Risikos ein Mobbing-Opfer zu werden, besteht darin, die eigene Position am Arbeitsmarkt zu optimieren. Mit der inneren Überzeugung, auch anderswo eine befriedigende Arbeit finden zu können, wird das Auftreten den Kollegen und Vorgesetzten gegenüber selbstbewusster und gelassener. Die Anspannung bei oftmals unvermeidbaren Auseinandersetzungen lässt nach, wenn man weiß, dass es eine realistische Alternative zur Arbeitslosigkeit gibt. Sie gefährden Ihre Chancen am Arbeitsmarkt, wenn Sie sich z.B. schon frühzeitig auf Tätigkeiten spezialisieren, die nur für eine kleine Anzahl von Arbeitgebern interessant sind. Auch durch eine eingeschränkte Mobilität oder die Notwendigkeit einer hohen Entlohnung Ihrer Arbeitskraft (verursacht z. B. durch einen kostspieligen Lebensstil) binden Sie sich in starkem Maße an Ihren aktuellen Arbeitsplatz und haben dadurch ein höheres Risiko, Mobbing-Handlungen nicht durch Wechsel des Jobs ausweichen zu können.

 

 

Gebe ich mich selbst auf? Zum Problem der Anpassung

Aller Anfang ist schwer – dies gilt auch für den Einstieg in eine neue berufliche Position. Ein Leitsatz für diese Aufgabe, der sich auch in den meisten Hinweisen zur Vermeidung von Mobbing-Attacken widerspiegelt,  könnte wie folgt lauten: Erkenne die Erwartungen, Interessen und Empfindlichkeiten Deiner neuen Kollegen/innen sowie Vorgesetzten und versuche, diese bei Deinen Handlungen zu berücksichtigen. Bedeutet dies, sich bedingungslos an die Wünsche anderer anzupassen und die eigenen Interessen und Vorstellungen zu negieren? Nein, es geht darum, taktisch klug zuerst das neue, unbekannte „Gebiet“ zu erforschen, Verbündete zu gewinnen und anschließend aus gesicherter Position seine Ideen einzubringen und Interessen zu verwirklichen. Wer in den ersten 100 Tagen versucht, ohne Rücksicht auf andere Maßstäbe zu setzen oder Interessensgebiete abzustecken, benötigt eine robuste Konstitution, um dann zwischen den evtl. entstehenden Fronten der Mobber den Psychokrieg unbeschadet zu überstehen. Wem die Anpassungsleistungen an ein Team als zu groß erscheinen, sollte sich überlegen, ob er den für sich richtigen Arbeitsplatz ausgesucht hat. Bei der nächsten Jobsuche ist dann auf eine bessere Passung der Betriebs- oder Teamkultur und der eigenen Persönlichkeit zu achten. Grundsätzlich haben neue Mitglieder davon auszugehen, dass die Arbeitsgruppe nur in geringem Maße bereit ist, sich den Vorstellungen des Neulings anzupassen. Vielmehr werden die Kollegen/innen vom neuen Gruppenmitglied große Sozialisationsanstrengungen fordern. Die 15 Hinweise zur Vermeidung von Mobbing-Attacken können in diesem Zusammenhang auch als Empfehlungen angesehen werden, wie der Sozialisationsdruck der Gruppe so klein wie möglich gehalten werden kann.

 

Herzlichst

Ihr Andreas Gourmelon

 


Quellen:

1 Siehe auch Gourmelon & Knabe-Gourmelon (2002)

 

Gourmelon, A. & Knabe-Gourmelon, G. (2002). Die ersten 100 Tage oder wie Sie es vermeiden, ein Mobbing-Opfer zu werden. Psychologie Heute, 5, 36 – 41.

 

Knorz, C. & Zapf, D. (1996). Mobbing – eine extreme Form sozialer Stressoren am Arbeitsplatz.  Zeitschrift für Arbeits- und Organisationspsychologie, 40, S. 12 – 21.

 

Neuberger, O. (1999). Mobbing: über mitspielen in Organisationen. München: Hampp.

 

Leymann, H. (1993). Mobbing. Psychoterror am Arbeitsplatz und wie man sich dagegen wehren kann. Reinbek: Rowohlt.

 

Statistisches Bundesamt (2018). Indikatoren zur Qualität der Arbeit. Dimension 7: Zusammenarbeit und Motivation. https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesamtwirtschaftUmwelt/Arbeitsmarkt/_Doorpage/Indikatoren_QualitaetDerArbeit.html?cms_gtp=318944_slot%253D7 (Abruf am 14.05.2018)



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