Kann mit Abiturnoten der Studienerfolg vorausgesagt werden?

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Grundlegende Erkenntnisse zur prognostischen Validität, eine neue Studie und Folgerungen für die Vorauswahl des Beamtennachwuchses.

Liebe Leserinnen und Leser,

zur Auswahl von Nachwuchskräften für den gehobenen Dienst werden in vielen Behörden und Verwaltungen neben Intelligenztests und strukturierten Interviews auch Abiturnoten eingesetzt, um eine Bestenauslese zu verwirklichen. Gerade in der Vorauswahl von Bewerbern‘1 ist der Einsatz von Schulnoten beliebt, weil er mit einem geringen Aufwand verbunden ist.

Skepsis: Nachteile von Schulnoten

Dabei ist der Einsatz von Schulnoten in der Personalauswahl umstritten. Kritisiert wird beispielsweise, dass Noten nur sehr eingeschränkt die Leistungen der Schülerinnen und Schüler widerspiegelten. So ist bekannt, „ … dass Schüler aus niedrigeren Sozialschichten bei gleichen kognitiven Kompetenzen schlechtere Noten erhalten“ (Helbig & Morar, 2017, S. 22). Auch werden Schülerinnen bei objektiv gleicher Leistung besser benotet als Schüler (Schuster, 2019). Desweiteren wird die Vergleichbarkeit von Schulnoten über verschiedene Bundesländer, Schultypen und Schulen bezweifelt. Fraglich ist zudem, ob Schulnoten zur Auswahl herangezogen werden sollten, wenn sich die Bewerber‘ in Hinblick auf Alter und Berufserfahrung stark unterscheiden.

Bisherige Erkenntnisse zur Vorhersagekraft

Bedeutsam bei der Überlegung, Abiturnoten als eignungsdiagnostisches Instrument bei der Auswahl von Nachwuchskräften des gehobenen Dienstes zu verwenden, ist selbstverständlich der Umstand, ob mit Abiturnoten spätere Studien- und Berufsleistungen treffsicher vorausgesagt werden können. Hierzu gibt es eine Fülle von Forschungsergebnissen. Ein Teil dieser Forschungsergebnisse – auch aus dem deutschsprachigen Raum - werden in drei Metaanalysen zusammengefasst (Baron-Boldt, Schuler & Funke, 1988; Roth, BeVier, Switzer III & Schippmann, 1996; Trapmann, Hell, Weigand & Schuler, 2007). Wesentliche Erkenntnisse dieser Studien sind (siehe auch Kanning, 2019, S. 429 ff.):

  • Die Korrelation zwischen den Durchschnittsnoten und dem späteren Studienerfolg (hier: Studiennoten) beträgt in Deutschland r = 0,33 (Trapmann et al., 2007, S. 19; unkorrigierte Validität; die korrigierte Korrelation beträgt r = 0,53); zum Vergleich: die Korrelation von Intelligenztest mit Studiennoten beträgt bis zu r = 0,40 (korrigierte Korrelation; Kuncel, Hezlett, & Ones, 2004, S. 150),

  • die Vorhersagekraft der Schulnoten ist abhängig vom Studienfach; am höchsten ist die Vorhersagekraft bei Studiengängen wie Mathematik, Natur- und Ingenieurwissenschaften (r = 0,44), relativ am niedrigsten bei Wirtschafts- und Sozialwissenschaften (r = 0,30),

  • Durchschnittsnoten sind aussagekräftiger als Einzelnoten, wie z. B. die Mathematik- oder Deutschnote,

  • die Ergebnisse für das Grundstudium/Bachelor-Studium können besser vorhergesagt werden als die Ergebnisse für das Hauptstudium/Master-Studium,

  • je weiter Schulabschluss und berufliche Leistung zeitlich voneinander entfernt sind, desto kleiner ist der statistische Zusammenhang (Roth et al., S. 550),

  • der statistische Zusammenhang zwischen Schulnoten und beruflicher Leistung (r = 0,16; Roth et al., S. 550) ist niedriger als der zwischen Schulnoten und dem Studienerfolg.

Vorhersagekraft für das Studium an Verwaltungshochschulen

In einer empirischen Studie bestätigt Fabianek (2004) die hohe Bedeutung der Schulnoten für die Vorhersage des Studienerfolgs von Studierenden an Fachhochschule für öffentliche Verwaltung NRW. Vor kurzem hat nun Alexander Schierling (2021) neue Erkenntnisse erarbeitet. Er führte im Frühsommer 2021 eine online-Befragung bei Studierenden des Studiengangs „Kommunaler Verwaltungsdienst“ der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung NRW (HSPV NRW) durch, die kurz vor dem Abschluss des Bachelor-Studiums standen. Von 133 Studierenden konnte Schierling Daten zum Abitur und den bisherigen Leistungen (Noten aus den fachtheoretischen und fachpraktischen Leistungsnachweisen) im Studium an der HSPV NRW erheben. Die Ergebnisse der Studie sind:

  • die Korrelation der Abiturnoten (Gesamtnote) mit den Studiennoten beträgt r = 0,33 (unkorrigierte Korrelation; stat. signifikant),

  • die Korrelation der Abiturnoten mit den Studiennoten ist bei den Studierenden, die den jüngsten Abiturjahrgängen angehören, höher als bei der Gesamtgruppe; hier ist r = 0,44 (stat. signifikant),

  • die Korrelationen der Einzelnoten in Deutsch (r = 0,17, stat. sign.) und in Mathematik (r = 0,25, stat. sign.) sind niedriger als die Korrelation mit der Gesamtnote im Abitur.

Die Ergebnisse der Studie von Schierling fügen sich gut in das bisherige Erkenntnisbild zur Vorhersagekraft von Schulnoten zu Studienleistungen ein. Mit Abiturnoten kann zu einem gewissen Grad der Studienerfolg im Verwaltungsstudium vorhergesagt werden. Dabei ist die Vorhersagekraft von Abiturnoten zumindest nicht schlechter als die von anderen eignungsdiagnostischen Instrumenten wie Intelligenztests oder Interviews.

Empfehlungen für die Vorauswahl

Welche Konsequenzen sollte die Praxis aus den vorliegenden Erkenntnissen ziehen? Hier einige Anregungen:

  • Bevorzugen Sie in der Vorauswahl Bewerber‘ mit der besseren Gesamtnote im Abitur,

  • schließen Sie Bewerber‘ aus, die schlechte Noten in Mathematik oder Deutsch haben,

  • führen Sie bei allen Bewerbern‘, die die formalen Kriterien der Ausschreibung erfüllen, Intelligenztests durch,

  • prüfen Sie im Rahmen der Vorauswahl durch den Einsatz von Telefoninterviews, Videointerviews, zeitversetzten Videointerviews oder Motivationsschreiben Elemente der Berufswahlmotivation der Bewerber‘,

  • kombinieren Sie bei der Vorauswahl gleichgewichtig die Kriterien „Abiturnote“ und „Intelligenztest“; in Ihr Ergebnis der Vorauswahl sollte auch das Kriterium „Berufswahlmotivation“ einfließen. Durch dieses Vorgehen können Sie die oben beschriebenen Nachteile von Schulnoten teilweise kompensieren.


Herzlichst

Ihr Andreas Gourmelon


1 Die Anfügung eines Apostrophs an einen Begriff (z. B. der Mitarbeiter‘) kennzeichnet, dass mit diesem Begriff Menschen jeglichen Geschlechts umfasst werden. Wird einem Begriff ein Apostroph vorangestellt (z. B. der ´Mitarbeiter), sind damit Menschen diversen Geschlechts gemeint.

Quellen:
Baron-Boldt, J. Schuler, H. & Funke, U. (1988). Prädiktive Validität von Schulabschlussnoten: Eine Metanalyse. Zeitschrift für Pädagogische Psychologie, 2, 79– 90.
Fabianek, M. (2004). Determinanten des Studienerfolgs bei Studierenden der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung. Unveröffentlichte Diplomarbeit. Erlangen: Universität Erlangen-Nürnberg, Institut für Psychologie.
Helbig, M. &  Morar, T. (2017). Warum Lehrkräfte sozial ungleich bewerten. Discussion PaperP 2017–005 des Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. https://bibliothek.wzb.eu/pdf/2017/p17-005.pdf (Abruf am 6.7.2021).
Kanning, U. P. (2019). Standards der Personaldiagnostik. Göttingen: Hogrefe.
Kuncel, N. R., Hezlett, S. A., & Ones, D. S. (2004). Academic Performance, Career Potential, Creativity, and Job Performance: Can One Construct Predict Them All? Journal of Personality and Social Psychology, 86(1), 148–161.
Roth, P. L.; BeVier, C. A.; Switzer III, F. S. & Schippmann, J. S. (1996). Meta-Analyzing the Relationship Between Grades and Job Performance. Journal of Applied Psychology, Vol. 81. No. 5, 548-556.
Schierling, A. (2021). Prognostische Validität von Abitur-Noten für das Studium an der HSPV NRW. Unveröffentlichte Bachelorarbeit. Gelsenkirchen: Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung NRW.
Schuster, C. (2019). Wer wird denn nun bei den Noten benachteiligt – Mädchen oder Jungen? The Inquisitive Mind, 1/2019. https://de.in-mind.org/article/wer-wird-denn-nun-bei-den-noten-benachteiligt-maedchen-oder-jungen (Abruf am 6.7.2021).
Trapmann, S.; Hell, B.; Weigand, S. & Schuler, H. (2007). Die Validität von Schulnoten zur Vorhersage des Studienerfolgs – eine Metaanalyse. Zeitschrift für Pädagogische Psychologie, 21 (1), 11-27.
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