Neuer Postkorb zur Auswahl des Führungskräftenachwuchses

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Der 2017 erschienene Postkorb „OfficeMail“ stellt eine sinnvolle Ergänzung von Potenzialanalyseverfahren dar. Faire Prüfung des „komplexen Problemlöseverhaltens“ möglich.

Liebe Leserinnen und Leser,

 

wen soll man aus dem Kreis der leistungsstarken Sachbearbeiter/innen und Referent/innen für Führungsaufgaben qualifizieren? Zur Beantwortung dieser Frage werden in vielen Behörden und Kommunalverwaltungen Potenzialanalyseverfahren durchgeführt. In diesen werden zwischenzeitig unterschiedliche eignungsdiagnostische Instrumente eingesetzt, der Schwerpunkt liegt nach meiner Wahrnehmung auf situativen Instrumenten (wie z. B. Gesprächssimulationen, Präsentationen, Gruppendiskussionen) und Interviews. Weiterhin lässt man von den Kandidaten/innen auch schriftliche Arbeitsproben erstellen. Als Einstiegshürden in ein Potenzialanalyseverfahren dient zumeist das Statusamt / Entgeltgruppe, die bisherige Verwendungsbreite, Vorgesetztenempfehlungen und die Ergebnisse dienstlicher Beurteilungen. Knapp 8 % der Kommunalverwaltungen nutzen zudem sogenannte Postkörbe (Görtler & Gourmelon, 2015, S. 79).


 

Postkörbe im allgemeinen


Postkörbe sind eine gute Ergänzung zu situativen Verfahren und Interviews, weil hier die Problemlösungskomptenz bei umfangreichem, komplexem, schriftlichem und vor allem standardisiertem Material geprüft werden kann. In wissenschaftlichen Untersuchungen zeigt sich (siehe hierzu Lieberei, 2017, S. 9 f), dass mit Postkörben wichtige Aspekte von Management- und Führungskompetenzen erfasst werden, die mit situativen Verfahren in Assessment Centern nicht gemessen werden können. Die Leistungshöhe in Postkörben und Intelligenztests von Kandidaten ist nicht identisch, aber statistisch betrachtet ähnlich. Im Gegensatz zu Intelligenztest erfahren Postkörbe eine höhere Akzeptanz. Dies liegt an der realitätsnahen Aufgabenstellung. In der Regel erhalten die Kandidaten eine größere Anzahl von Schriftstücken (Mails, Briefe, Statistiken u.v.m.), die innerhalb einer kurzen Zeit gelesen und analysiert werden müssen. Anschließend müssen Entscheidungen zur Bearbeitung der Schriftstücke getroffen werden. Zur Auswertung werden die Lösungsversuche der Kandidaten mit Normlösungen verglichen.


 

„Office Mail“ im speziellen


Seit kurzem ist der Postkorb „OfficeMail“ von Lieberei (2017) am Markt erhältlich. Ihn gibt es in einer computergestützten und einer Papier-Bleistift-Version. Die Grundausstattung für die letztere Version kostet ca. 430 Euro, pro Kandidaten ist mit Kosten von ca. 25 Euro zu rechnen. „OfficeMail“ ist ein Postkorb in geschlossener Form, d. h. die Kandidaten können sich durch Ankreuzen für vorgebene Lösungsalternativen entscheiden. Die Durchführung dauert ca. 60 Minuten, zum Auswerten werden ca. 15 Minuten benötigt. Es liegt ein standardisierter Lösungsschlüssel vor. Es wird ein Arbeitsszenario aus der Versicherungswirtschaft verwendet. Mit den Ergebnissen des Postkorbs können Aussagen zum Analyse-, Organisations-, Planungs- und Entscheidungsverhalten getroffen werden. Die Ergebnisse werden zu einen Gesamtwert „komplexes Problemlöseverhalten“ gefasst.


 

Heldenhafter Eigenversuch ;-)


Angesichts eines Eigenversuchs mit der Papier-Bleistift-Version kann ich folgendes berichten:

  • Tatsächlich ist das Arbeitsszenario ohne Fachwissen aus dem Bereich Versicherungswirtschaft gut bewältigbar. Auch Kandidaten aus der öffentlichen Verwaltung sollten mit dem Szenario zurecht kommen. Nur gelegentlich stößt man auf Begriffe (z. B. „Shortlist“, „Prozesskostensatz“), die im öffentlichen Dienst nicht üblich sind, die jedoch schnell erschließbar sind.

  • Der Umgang mit den Materialien ist selbsterklärend und problemlos, dies gilt sowohl für die Durchführung als auch die Auswertung.

  • Mir scheint es so zu sein, dass Berufserfahrung ein wenig zum Erfolg im Postkorb beiträgt. Ein Hinweis hierauf ist auch, dass Ältere im Postkorb – gemäß den Normtabellen – durchschnittlich einen Hauch besser abschneiden als Jüngere.

  • Die Auswertung ist einfach, die Anwendung der Normtabellen ebenso.

  • Die Normlösungen konnte ich in sehr vielen Fällen nachvollziehen, nur in einem Fall bin ich am Hadern und der Auffassung, dass hier letztlich ein Werturteil vorliegt (um die Lösung nicht zu verraten, kann ich hier nichts genaueres schreiben). Für Zwecke der Rückmeldung an die Kandidaten wären im Manual schriftliche Hinweise zu den Normlösungen sinnvoll.

Bei Postkörben in offener Form müssen die Kandidaten selbständig Lösungen erarbeiten und können diese Lösungen oftmals den Auswertern erläutern (siehe z. B. Bonner Postkorb Module). Ich gebe zu, dass ich diese Möglichkeit hin und wieder vermisst habe. Der Antwortmodus hat mich zumindest an einer Stelle zu einem Fehler verleitet. Aber naja, das geht in der hohen Anzahl der Aufgabenstellungen unter. Und durch die geschlossene Form erhöht sich die Auswertungsobjektivität; zudem sinkt der Auswertungsaufwand deutlich.



Normen und psychometrische Gesichtspunkte


Die zur Verfügung stehenden Normen halte ich in Bezug auf den Einsatzzweck des Postkorbs (Auswahl von Berufserfahrenen für die untere und mittlere Führungsebene) für weitgehend angemessen. Ob berufsunerfahrene Master-Studierende in die Normgruppe aufgenommen hätten sollen, erscheint mir fragwürdig. Interessant wären selbstverständlich Normierungsdaten aus dem öffentlichen Sektor, die leider nicht vorliegen. Mit den Normen ist ein Vergleich der Leistungen eines einzelnen Kandidaten mit den Ergebnissen einer recht großen Vergleichsgruppe möglich. Erste Studien zur Testzuverlässigkeit und zur Validität liegen vor. Allerdings konnte ich keine Untersuchungen finden, die den Zusammenhang der OfficeMail-Ergebnisse mit Leistungsdaten aus dem betrieblichen Alltag erforschen.


 

Empfehlung


Den Postkorb „OfficeMail“ halte ich für gute Ergänzung von Potenzialanalyseverfahren. Mit relativ geringem Aufwand erhält der Arbeitgeber Informationen über Kandidatenmerkmale, die für Führungstätigkeiten bedeutsam sind. Die Durchführung und Auswertung kann weitestgehend frei von subjektiven Einflüssen erfolgen. Erstrebenswert ist eine Überprüfung der Vorhersagegüte des Instruments für berufliche Leistungen im öffentlichen Sektor. 

 

Herzlichst

Andreas Gourmelon


 

Quellen:

 

Görtler, B. & Gourmelon, A. (2015). Auswahl und Entwicklung von Führungsnachwuchskräften in Kommunalverwaltungen. Verwaltung & Management, 2/2015, 73 – 82.


Lieberei, W. (2017). Postkorb „OfficeMail“ (Manual). Göttingen: Hogrefe.

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