Wie die synchrone Online-Lehre Hochschulen verändert

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Am Aschermittwoch 2040 hielt Frau Professorin Dr. M. H. Maier ihre Abschiedsveranstaltung zum Thema „Auswirkungen der Corona-Krise auf die Organisation der Lehre an Hochschulen für öffentliche Verwaltung“. Lesen Sie hier das automatisch erstellte Transkript der Veranstaltung, welches mit freundlicher Genehmigung der Urheberin veröffentlicht werden darf.

Liebes Publikum,

es bedeutet mir sehr viel, dass Sie sich alle so zahlreich zu der Veranstaltung zugeschaltet haben.  Dies ist mein letzter Tag, meine letzte Veranstaltung, im aktiven Dienst als Professorin. Auf der einen Seite freue ich mich auf einen neuen Lebensabschnitt, auf der anderen Seite spüre ich Wehmut und Trauer  - mein Enkel sagt bestimmt gleich „Du hast ja Pipi in den Augen, Oma“! Da tut es gut, dass Ihr – liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Studierende – heute hier seid und mich bei meinem Abschied begleitet [Klatschen aus dem Publikum].

Von Ihrer Seite gab es die Bitte, dass ich in der Abschiedsveranstaltung auf die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Lehre an unserer Verwaltungshochschule eingehe. Der komme ich selbstverständlich gerne nach. Es ist halt die Rolle der Alten, dass sie Geschichten aus der Vergangenheit erzählen, um die Gegenwart zu rechtfertigen und der Zukunft eine mögliche Richtung zu geben.

Machen Sie es sich also gemütlich, holen Sie sich noch etwas zum Knabbern, kuscheln Sie sich an Ihre Liebsten und dann gehen wir gemeinsam auf eine Zeitreise, die uns weit in die Vergangenheit führen wird.

Zuerst gehen wir zurück in den Dezember 2019. Was war das für eine Zeit? Den jüngeren unter Ihnen muss ich erklären, dass man damals Corona noch überwiegend für eine Biermarke hielt, die Fußball-Bundesliga wurde vom heute in der Zweiten Liga spielenden FC Bayern München total beherrscht [erstaunte Gesichter im Publikum] und viele Menschen freuten sich darauf, in den Weihnachtsferien Ski zu fahren. Zu dieser Zeit gab es nämlich noch Schnee in den Alpen. Das Fleisch toter Tiere aßen viele Menschen mit Genuss und ohne Reue [Murmeln im Publikum].

Bevor ich Ihnen nun berichte, wie die Lehre zu dieser Zeit an der Hochschule durchgeführt wurde, möchte ich Sie warnen! Es kann sein, dass meine Berichte bei Ihnen auf Ungläubigkeit und Widerwillen stoßen, dass Sie sich eine derartige Situation gar nicht vorstellen können und mögen. Ich versichere Ihnen aber, dass meine Erläuterungen auf zutreffenden Fakten beruhen.

Noch im Dezember 2019 wurden die Studierenden von unserer Hochschule zu sogenannten Kursen zusammengefasst. Das waren Gruppen von bis zu 34 Studierenden.  Jeder Kurs erhielt eine Kursnummer.

[unverständliche Frage aus dem Publikum]

… also … nein, nicht die Studierenden bekamen Nummern, sondern nur die Kurse. Wir haben die Studierenden mit ihren Namen angesprochen. Entgegen den Gerüchten mussten die Studierenden auch keine Aufkleber mit Nummern an ihre Kleidung anheften.  Äh, wo war ich stehengeblieben? …

Ah ja, die Zuordnung der Studierenden zu den jeweiligen Kursen war fix. Das bedeutet, dass diese Gruppe für das gesamte Studium fest zusammenblieb.  Ein Austausch zwischen den Kursen war regelmäßig nicht vorgesehen, nur bei wenigen Veranstaltungen wurden Studierende verschiedener Kurse miteinander vermengt. Man begründete damals die feste und dauerhafte Zuordnung zu einem Kurs damit, dass sich die Kursmitglieder gegenseitig Halt und Unterstützung geben würden. Tatsächlich war es nach meiner Beobachtung aber eher so, dass sich in manchen Kursen eine ungünstige Gruppendynamik entwickelte. Es bildeten sich Untergruppen, die sich voneinander abgrenzten. In einigen Kursen kam eine echte Diskussion gar nicht mehr zustande, weil die Studierenden es nach vielen Monaten oder gar Jahren gemeinsam verbrachter Zeit nicht mehr ertragen konnten, sich gegenseitig zuzuhören. Aus meinem Gedächtnis zitiere ich eine Studentin: „Mir ist doch schon vorher klar, was der Typ gleich sagen wird. Er hat das doch schon zigmal gesagt. Immer wieder die gleichen Sprüche. Da lese ich lieber Whats-App-Nachrichten“1. Folge dieser dauerhaften Kurszuordnung war auch, dass die Studierenden eines Kurses kaum Studierende aus anderen Kursen kennenlernten [Erstaunen im Publikum].

Liebes Publikum, das müssen Sie sich vorstellen! Sie studieren drei Jahre lang an einer Hochschule mit mehreren tausend Studierenden und am Ende des Studiums kennen Sie im Wesentlichen nur die 30 Kommilitonen aus Ihrem Kurs. Für eine Vernetzung der Behörden und Kommunalverwaltungen untereinander war die feste Kursstruktur kontraproduktiv.  Die Kurse brieten in ihrem eigenen Saft.

In den Veranstaltungen haben jetzt im Jahr 2040 die Studierenden immer wieder Kontakt mit neuen Kommilitonen [Ruf aus dem Publikum: Gott sei Dank!]. Ja, und … ähh … und zwar nicht nur unserer Hochschule – sondern regelmäßig auch mit Studierenden anderer deutscher Verwaltungshochschulen. Es fiel uns vor vielen Jahren wie Schuppen von den Augen, dass sich die Psychologie von Bürgerinnen und Bürgern aus Kiel, dem Saarland oder Berlin nicht wesentlich von der Psychologie der Bürger unseres Landes unterscheidet - von den Oberbayern kann man das vielleicht nicht ganz behaupten [Gelächter in der Veranstaltung]. Deshalb kann man folglich auch gemeinsame Veranstaltungen in Psychologie durchführen.  Viele andere Lehrinhalte eignen sich ebenfalls für gemeinsame Veranstaltungen, wie Sie ja schon in Ihrem Studium erlebt haben.

Der Fachbereich plant ja derzeit, Pflichtveranstaltungen im Studium vorzusehen, die international ausgerichtet sind. Dann werden Sie z. B. mit Studierenden und Dozierenden in Frankreich, England, Chile oder Schweden diskutieren und sich austauschen können.  So wird der Blick über den deutschen Tellerrand erleichtert. Ich denke, es wird höchste Zeit, dass wir das als Elite-Hochschule in unseren Studiengängen einführen [zustimmendes Klopfen aus dem Publikum].

Aber kommen wir wieder zurück zur Lage im Dezember 2019. Jedem Kurs wurde ein Kursraum zugeordnet – kein virtueller, sondern ein Kursraum aus Beton und Glas. Dort saßen die Studierenden meist fünf Tage in der Woche, pro Tag bis zu acht Stunden. Ich habe Ihnen hier mal ein Foto eines vollbesetzten Kursraumes mitgebracht [Unruhe und Tuscheln im Publikum].

Bitte, liebes Publikum, ich bitte um Ruhe … Wie Sie erkennen können, saßen die bis zu 35 Studierenden dicht an dicht, Ellenbogen an Ellenbogen, die Papierunterlagen mussten auch noch auf den winzigen Tischen untergebracht werden. Der Kuschelfaktor war erzwungenermaßen sehr hoch. Wenn der Hintermann hustete oder nieste, haben sie das im Nacken gespürt! [Igitt und weitere Laute des Ekels aus dem Publikum]

Meist war in den Kursräumen ein harter Bodenbelag verlegt, lärmdämmende Bauelemente waren an den Wänden nicht angebracht. Es gab auch keine Belüftungs- oder Klimaanlagen.  Manchmal lagen die Kursräume an vielbefahrenen Straßen oder Gleisanlagen.

Welche Auswirkungen hatte diese Raumsituation auf die Lehre? Ich werde Ihnen einige darlegen:

  • als Dozentin konnte ich wegen der großen Distanz die Studierenden in den hinteren Reihen kaum sehen, geschweige denn ihre Mimik und Gestik richtig wahrnehmen,
  • im Kursraum musste ich ständig lauter als normal sprechen, damit ich von den Studierenden überhaupt verstanden werden konnte. Das führte – wie bei vielen Kolleginnen und Kollegen – zu Belastungsreaktionen bis hin zu Entzündungen der Stimmbänder,
  • die Luft in den Kursräumen war zum Schneiden, es war stickig.  Die Fenster wurden wegen des Lärms von außen zu selten geöffnet. Gerade in den Sommermonaten war es in vielen Kursräumen sehr warm.


Wie gesagt, hatten die Studierenden bis zu acht Stunden Veranstaltungen am Tag. Es waren wenige, kurze Pausen vorgesehen. Dann ballten sich die Studierenden an den Toiletten, manchmal standen sie sogar Schlange. In der Mittagspause konnte ich mich am Süßigkeiten-Automaten bedienen.

Sie haben eine Frage? [Frage wird aus rechtlichen Gründen nicht wiedergegeben]

Ja, danke für Ihre Frage. Lebensmittel, die hauptsächlich aus Zucker bestanden, waren damals wirklich noch frei verkäuflich. Bezahlt wurde übrigens noch mit Münzen aus Metall, die man in einem Geldbeutel ständig mit sich herumtrug.

Wie sieht es bei Ihnen heute im Jahr 2040 aus? Liebes Publikum, Sie sind dort, wo es Ihnen am besten gefällt. Ich sehe, dass es sich viele von Ihnen auf einem Sofa bequem gemacht haben, einige stehen an Ihren Schreibtischen. Einige sind auf dem Weg zum Kühlschrank, um sich etwas zum Trinken zu holen. Sie können selbst entscheiden, wie viele und welche Menschen Sie um sich herumhaben, wie viel körperliche Nähe Sie zulassen.  Sie atmen gesunde Luft, können mit Ihrem Soundsystem die Lautstärke optimal regeln. Weiterhin haben Sie durch die Hologramm-Technik eine brillant-scharfe, dreidimensionale Sicht auf jeden Teilnehmer der Veranstaltung; Sie können sich frei in Ihrem Raum bewegen, sobald Ihnen danach ist.

Wir sind heute in der Lehre nicht mehr durch die Grenzen von Beton und Glas eingeschränkt, der virtuelle Raum ist quasi grenzenlos. Dadurch ist es heute möglich, Vorlesungen zu grundständigen Themen mit 200, 300 oder 400 Studierenden durchzuführen und die Lehrressourcen auf vertiefende Seminarveranstaltungen zu konzentrieren, in denen sich kleine Gruppen von Studierenden sehr intensiv mit Dozentinnen und Dozenten zu speziellen Fachthemen austauschen können.

Lassen Sie mich die Situation im Dezember 2019 aus einer weiteren Perspektive beleuchten.  Alle Studierenden bekamen einen Plan, der Ihnen auf die Minute genau vorschrieb, welches Lehrthema sie wann zu bearbeiten hatten. Es gab für die Studierenden damals keine Möglichkeit, bei der Erstellung des Plans mitzuwirken oder beispielsweise die Veranstaltung einer anderen Dozentin zu besuchen, weil man von dieser einfach besser lernen konnte. Wenn im Plan stand, Montag um 7.15 Uhr lernt der Kurs Psychologie bei Professorin Maier, dann war das so und Sie als Studierende mussten erscheinen. Egal, ob Sie zu dieser Uhrzeit ausgeschlafen waren, egal, ob Sie gerade viel mehr Lust auf Kosten- und Leistungsrechnung hatten, egal … [lautes Gelächter im Publikum].

Wahlmöglichkeiten gab es nur in homöopathischen Dosen. Hat man sie den Studierenden nicht gegönnt? Oder hat man das damalige Schulsystem – das ganz ähnlich organisiert war – einfach nur kopiert? Ich weiß es nicht, liebes Publikum. Vielleicht lag es auch daran, dass die Studierenden eine Vergütung erhielten. Vielleicht meinten wir deswegen, wir müssten es auf jeden Fall garantieren, dass die Studierenden eine Gegenleistung für das Geld erbringen. Und ihnen deswegen alles im Detail vorschreiben [empörte Rufe aus dem Publikum]. Für die Entwicklung von Eigeninitiative und Verantwortungsgefühl waren das keine guten Bedingungen.

Es gab übrigens sehr ausgefeilte Kontrollinstrumente: Anwesenheitslisten, die kurz nach Beginn der Veranstaltung schon in der Verwaltung abgeben werden mussten [lautes Rumoren im Publikum] und …. und … [unverständliche, lautstarke Äußerungen aus dem Publikum] … bitte, liebes Publikum, bewahren Sie die Contenance …. und für die Dozierenden jeden Monat Stundenabrechnungen, die bis auf zwei Stellen nach dem Komma die gehaltenen Stunden pro Kurs auflisteten [schallendes Gelächter aus dem Publikum].

Bitte, beruhigen Sie sich wieder …   … ja bitte, lassen Sie mich weiterreden …

So war die Lage im Dezember 2019. Im Nachhinein ist es erstaunlich, dass trotz dieser Rahmenbedingungen eine – im Vergleich zu anderen Hochschulen – herausragende Lehre an unserer Hochschule durchgeführt werden konnte. Dies ist – ich kann es mir nicht anders erklären – wohl dem hohen Einsatz von Studierenden, Dozierenden und dem damals sogenannten Verwaltungspersonal zu verdanken.

Dann kam Anfang 2020 das Corona-Virus.

Und die Welt, wie wir sie damals kannten, veränderte sich innerhalb weniger Wochen. Als es angesichts der Infektionszahlen nicht mehr anders ging, wurde der Präsenzbetrieb auch bei uns eingestellt. Trotzdem mussten die Lehrveranstaltungen selbstverständlich weitergehen und Prüfungen durchgeführt werden. Niemand wusste so recht wie es weitergehen sollte.

Die nächsten wenigen Tage genoss ich als Dozentin mit den Studierenden einen hohen Freiheitsgrad, es gab keine Vorgaben oder Weisungen, was zu tun sei. Wir führten die Veranstaltungen und Prüfungen so durch, wie wir es für die Situation und die Lehrinhalte für angemessen hielten: mündliche Prüfungen am Telefon, Literaturempfehlungen, Aufgaben per Mail usw.

Und dann empfahl mir ein Kollege auch noch ein US-amerikanisches Online-Videokonferenzsystem namens … oh, jetzt komme ich nicht mehr auf den Namen… äh – na, tut nichts zur Sache [Ruf aus dem Publikum: Zoom]. Ja, ähh, genau! Später kamen dann noch andere dieser Programme hinzu.

Und mit diesem Programm entdeckte ich für mich eine Neue Welt der Lehre, einen neuen, verheißungsvollen Lehr-Kontinent. So wie andere Kolleginnen und Kollegen nutzte ich dieses Videokonferenzsystem sofort –  und stellte fest, dass ich damit meine Lehre genauso wirkungsvoll gestalten konnte wie zuvor im Präsenzbetrieb. Schon mit dieser noch recht primitiven Technik war es möglich, didaktisch nahezu all das zu realisieren, was man auch im Präsenzbetrieb gemacht hatte: Vorträge, Unterrichtsgespräche, Kleingruppenarbeit, Präsentationen, Umfragen, Videovorführungen usw.

Liebes Publikum, denken Sie nicht, dass es für die Studierenden und Dozierenden damals einfach war. Viele waren technisch miserabel ausgestattet. Von einem Nachbarn habe ich mir eine Kamera ausgeliehen, mit dem Lötkolben habe ich Lautsprecher funktionsfähig gemacht, vom Medienwart habe ich eine eingemottete Tischkamera zugesteckt bekommen, Video-Konferenzen habe ich teilweise mit dem Smartphone durchgeführt …[das jüngere Publikum verdreht gelangweilt die Augen und stöhnt] … jaja, ich höre ja schon auf, ich will ja nur sagen, wir hatten es damals als Dozenten nicht leicht. Und den Studis ging es ja auch nicht besser.

Innerhalb kurzer Zeit bekamen wir aber die technischen Probleme in den Griff und konnten gemeinsam mit den Studierenden tolle, synchrone Online-Lehrveranstaltungen durchführen.  „Wir“ - das waren alle Dozentinnen und Dozenten, das waren aber auch die Kolleginnen und Kollegen aus der damals sogenannten „Verwaltung“ – wir zogen alle an einem Strick und wir waren innerhalb ziemlich kurzer Zeit erfolgreich. Erfolgreicher als viele andere Universitäten, Hochschulen und Bildungseinrichtungen.

Zu dieser Zeit fand eine Revolution in der Lehre statt. Erst als ich mit dem legendären Kurs K 19/99 zusammenarbeitete, wurde mir bewusst, dass die neue synchrone Online-Lehre nicht nur ein akzeptabler Ersatz für die Präsenzlehre war, sondern eine neue Qualität der Lehre eröffnete. Hier übrigens ein Foto des Kurses, achten Sie mal auf die Frisuren damals … die kommen jetzt wieder in Mode [verlegenes Lächeln beim jüngeren Publikum].

Aber keine Revolution ohne Kräfte, die den Status Quo bewahren möchten. Und diese bewahrenden Kräfte meldeten sich alsbald. Mit einer Melange aus tumben Anti-Amerikanismus und einer Überbetonung des – damals noch nicht überarbeiteten – Datenschutzrechts wollte man uns die Bazooka Zoom madig machen und uns stattdessen mit Steinschleudern in die Schlacht ziehen lassen.

Im Sommer 2020 gingen die Infektionszahlen kurzzeitig zurück. Festhaltend an der Mär der Überlegenheit des Präsenzbetriebs wurden die Studierenden und die Dozierenden im Herbst 2020 wieder in die Kursräume zurückgeschickt. Wie Sie vielleicht noch aus dem Geschichtsunterricht wissen, schossen die Fallzahlen aber dann mit der zweiten Corona-Welle im Spätherbst 2020 wieder in die Höhe und wir mussten gezwungenermaßen wieder Online-Lehre durchführen.  Im Laufe des Jahres 2021 wurden mit wachsenden Fähigkeiten von Dozierenden und Studierenden sowie mit besserer technischer Ausstattung die Vorzüge der Online-Lehre immer deutlicher.

Die Corona-Krise hat sehr viel Leid in der Welt erzeugt. Aber sie war der Auslöser für eine Revolution der Lehre an unserer Hochschule. Sie hat uns gezwungen, anders zu denken und anders zu handeln. Nach dieser Revolution weist die Lehre eine deutlich höhere Qualität:

  • die Studierenden werden besser auf die Berufswelt in den Verwaltungen mit ihren hohen digitalen Anforderungen vorbereitet,
  • durch die hinzugewonnenen Freiheiten und Wahlmöglichkeiten hat sich die Motivation, die Eigeninitiative, das Verantwortungsbewusstsein deutlich gesteigert – das bestätigen mir auch die Einstellungsbehörden,
  • das fachliche und didaktische Niveau der Lehre hat gewonnen, weil nun jeder einzelne Dozent im Vergleich und im Wettbewerb mit Dozenten unserer oder anderer Hochschulen steht. Die Studierenden können jetzt ja ihre Dozentin oder ihren Dozenten für ein bestimmtes Fachgebiet frei wählen,
  • die Studierenden können durch die weitgehend freie Wahl, wann sie welche der im Studienplan vorgesehenen Veranstaltungen machen, die Studienanforderungen besser mit ihrer privaten Lebenssituation vereinbaren. Familien- oder Pflegezeiten können wesentlich besser mit dem Studium vereinbart werden. Das führt – wie auch die Begleitforschung feststellte – zu einer geringeren Zahl von Studienabbrüchen und zu weniger Stress bei den Studierenden. Ich persönlich freue mich auch darüber, dass sich heutzutage mehr Studierende dazu entschließen, eine Familie zu gründen. Vor Corona waren Studierende mit Kindern eher die Ausnahme, heute sind sie die Regel – schauen Sie sich nur im Publikum um [Jubel der Kinder],
  • die Wahlmöglichkeiten bieten den Studierenden nun auch die Möglichkeit, ihre Studiengeschwindigkeit an ihre eigenen Kompetenzen anzupassen. Noch im Jahr 2019 mussten alle im zeitlichen Gleichschritt durch das Studium marschieren, heute können Sie Veranstaltungen zeitlich vorziehen und Ihr Studium früher beenden. Und es ist auch kein Problem, Veranstaltungen zu wiederholen, wenn Sie merken, dass es mal nicht so gepasst hat mit Ihrer Aufmerksamkeit …[betretenes Schweigen im Publikum]


Ein Thema habe ich noch gar nicht erwähnt: den Klimawandel und welchen Beitrag die Präsenzlehre hierzu leider hatte.

Als es 2020 gelegentlich noch Präsenzkurse gab, habe ich in mehreren Kursen Umfragen gemacht, welche CO–Emissionen nur durch die An- und Abreise an einem einzigen Präsenztag verursacht wird. Im Durchschnitt waren das pro Präsenztag pro Kurs sagenhafte 130 kg dieses Treibhausgases.  Meine Schätzung war damals, dass pro Präsenz-Tag an unserer Hochschule landesweit rund 45 Tonnen COemittiert wurden [Raunen im Publikum]

Da ist eine Frage … [Frage wird aus rechtlichen Gründen nicht wiedergegeben]

… hmm, was soll ich sagen … ja, doch, schon … 2020 waren wir uns darüber im Klaren…  zumindest gab es Konsens darüber, dass die Wahrscheinlichkeit für einen menschenbedingten Klimawandel nicht gering war, die möglichen Folgen potenziell verheerend und die erforderlichen Handlungen, um den Klimawandel zu begrenzen, nicht mit übermäßigen Mühen und Einschränkungen in der Lebensführung verbunden waren… trotzdem … gehandelt haben wir kaum, vor allem nicht an der Hochschule [erhebliche Unruhe im Publikum, Rufe der Empörung]

… bitte … ich versuche wieder auf mein Thema zurückzukommen …

Die Studierenden des Jahres 2040 sparen sich gegenüber den Studierenden des Jahres 2019 durchschnittlich 1,5 Stunden Fahrtzeit am Tag ein. Die Studierenden fuhren damals – das muss man sich mal vorstellen – in Autos, die noch selbst gesteuert werden mussten, oder in völlig überfüllten Zügen nahezu jeden Tag zur Hochschule. Wieviel wertvolle Lebenszeit blieb damals auf der Wegstrecke liegen! Zeit, die fürs Lernen oder das individuelle Gesundheitsmanagement verloren gegangen ist.

Übrigens sind ja einige unserer Liegenschaften noch in den 20er Jahren mangels Bedarf geschlossen worden – sehr zur Freude der Steuerzahler übrigens.

Obwohl sich schon während der Corona-Zeiten die deutlichen Fortschritte in der Qualität der Lehre offenbarten, ließen die bewahrenden Kräfte nicht locker. Sie meinten während des Lock-Downs, dass die Studierenden soziale Kontakte benötigten und ohne die Präsenzveranstaltungen in der Hochschule vereinsamten. Das stellte sich als Irrglaube heraus.

Natürlich vermissten die Studierenden während des Lock-Downs soziale Kontakte. Aber diese mussten nicht notwendigerweise an der Hochschule stattfinden. Als im Sommer 2021 langsam wieder die Cafés, Clubs und Lokale öffneten, fiel die Argumentation der bewahrenden Kräfte wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Nur wenige Studierende wünschten sich körperliche Nähe zu anderen Studierenden und Dozenten an der Hochschule; sie wünschten sich den Kontakt zu Freunden und Familie vor allem im Privatleben. Um die Kontaktaufnahme und das Kennenlernen zu erleichtern, hat jedoch die Hochschule – und das finde ich gut so - besondere Veranstaltungen für Studienanfänger in das Studienprogramm aufgenommen, bei denen Präsenztreffen vorgesehen sind. Auch heute können Sie sich ja entscheiden, welche Veranstaltungen mit welchem Ausmaß von Präsenz sie besuchen wollen. Das ist ja im Veranstaltungsverzeichnis jeweils angegeben. Bei mir wussten Sie ja z. B., dass wir uns immer alle vier Wochen an einem Nachmittag getroffen haben und … [der Kuchen war immer lecker!] …

na, ich hoffe mal, dass Ihnen mehr in Erinnerung geblieben ist, als der Kuchen Ihrer Kommilitonen, Herr XXX [Name wird aus rechtlichen Gründen nicht wiedergegeben] [Lachen im Publikum]

So, ich begebe mich auf die Zielgerade der Veranstaltung. Haben Sie noch genug Energie mir zu folgen? [Das schaffen wir doch immer! Heiteres Gelächter im Publikum]

Äh, na gut …

Durch die neuen Möglichkeiten der synchronen Online-Lehre wurde in den Jahren nach Corona ersichtlich, dass die einstmals besondere Stärke unserer Hochschule  - nämlich die Durchführung von wohnortnahen Präsenzveranstaltungen -  überflüssig geworden war, sie hatte in der Zeit nach Corona keinen besonderen Wert mehr.

Liebes Publikum, das Beharren auf strategischen Stärken aus der Vergangenheit kann in Zeiten des Wandels gefährlich werden. Stellen Sie sich vor, das Unternehmen BMW würde heute darauf setzen, seine besondere strategische Stärke wäre wie vormals die Entwicklung und Produktion von leistungsstarken Verbrennungsmotoren. BMW wäre erledigt! Die Finanzmärkte und auch die Kunden würden BMW wie eine heiße Kartoffel fallen lassen. Verbrennungsmotoren sind „out“, heute zeichnen sich die deutschen Automobilhersteller wie BMW, Mercedes, Audi und andere mehr durch andere Stärken aus und sind erfolgreich damit.

Und so ist das auch an unserer Hochschule: In den Jahren nach Corona erwies es sich, dass die wahre Stärke unserer Hochschule die enge Verknüpfung  - personell und institutionell -  mit den Einstellungsbehörden ist. Mit unserem alten Rezept „100 % Präsenzveranstaltungen“ war nach Corona dauerhaft kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Die weitere Ausrichtung der Lehr-Organisation auf diese vermeintliche Stärke hätte uns in die Sackgasse geführt, uns in der Zeit vor Corona gefangen gehalten.

Warum haben wir das nicht schneller verstanden? Weshalb haben wir uns noch so lange am sogenannten Normalzustand vor Corona festgehalten?

… oh, passen Sie auf Herr XXX [Name wird aus rechtlichen Gründen nicht wiedergegeben], Ihre Kleine hat eine Schere in der Hand … ah, alles gut! …

Wir alle hatten damals bewahrende, hemmende Kräfte in uns. Wir waren alle gefangen in unseren Gewohnheiten und überkommenen Vorstellungen von Normalität. Wir waren daran gewöhnt, in erstarrten Strukturen zu arbeiten und – wie man damals sagte – zu funktionieren.

Als man in den westlichen Industriestaaten – beginnend in Schweden -  in den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts die Fließbänder in vielen Fabriken langsam abschaffte und sie durch andere, humanere Arbeitsformen ersetzte, waren viele Fließbandarbeiter erstmal verstört; viele wollten keine Änderung  ihrer Normalität. Die Fessel des Normalen, Gewohnten lähmt nicht nur die Glieder, sondern auch den Geist.

Liebes Publikum, Sie haben erkannt, welche Auswirkungen die Corona-Krise auf die Lehre an unserer Hochschule hatte. Ich hatte Sorge, dass Sie vieles nicht verstehen würden, falls ich Ihnen nicht anschaulich und ausführlich die Situation vor 2020 erläuterte. Sie können jetzt nachvollziehen, weshalb die Corona-Krise eine Lehr-Revolution ausgelöst hat. Manches in der Zeit vor unserer Lehr-Revolution wirkt im Nachhinein unvorstellbar und es macht mich selbst traurig, nicht schon vor Corona die Chancen der synchronen Online-Lehre erkannt zu haben [vereinzeltes Gähnen im Publikum].

Aber Sie, liebes Publikum, Sie sind die neue Generation! Sie haben begriffen, dass es für Ihre Zukunft darauf ankommt, stets das Normale und Gewohnte zu hinterfragen und ein positives Bild von Ihren Mitmenschen zu haben. Sie sind neugieriger, offener, aufgeschlossener als unsere Generation. Sie werden neue Chancen schneller erkennen und ihre Welt, unsere Gesellschaft – und damit auch unsere Hochschule - schneller an Veränderungen  anpassen und mit Krisen besser fertig werden.

Ich wünsche Ihnen alles Gute für Ihre Zukunft! [Oma, warum hast Du Pipi in den Augen?] … erklär ich Dir gleich … jetzt muss ich erstmal … [Vortragende benutzt ein Taschentuch] ...

[Vortragende spricht mit leiser, brüchiger Stimme] Bleiben Sie ihren Vorgängern wohlgesonnen und verzeihen Sie ihnen ihre Schwächen!

Im Übrigen darf ich Ihnen mitteilen, dass ich auf die Durchführung eines Leistungsnachweises für die diese Veranstaltung – entgegen den ausdrücklichen Vorgaben der Studienordnung – verzichte.

[spontanes Lachen und langanhaltender Applaus, Vortragende nimmt Enkel in den Arm, winkt zum Publikum und schaltet die Verbindung ab]



1 Whats-App war damals ein Kommunikationsmedium, mit dem u.a. Textnachrichten ausgetauscht werden konnten, Anmerk. d. Red.
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