Ein einmaliges Großbündnis warnt die ARD davor, einen großen Teil der migrantischen Bevölkerung zu vernachlässigen.
Mehr als 500 migrantische Organisationen sowie weitere Unterstützende aus Kultur, Wissenschaft und Politik wollen das faktische Aus des einzigen interkulturellen und mehrsprachigen ARD-Radioprogramms COSMO zum 1. April 2027 nicht akzeptieren. In einem am 11. Juni 2026 veröffentlichten offenen Brief an alle Intendantinnen und Intendanten der ARD fordert die Allianz den sofortigen Stopp der Streichpläne. Das von den Neuen deutschen Medienmacher*innen (NdM) initiierte Bündnis fordert statt einer Abwicklung eine bundesweite Zukunftsoffensive: COSMO soll zum starken, bundesweiten ARD-Gemeinschaftsprogramm ausgebaut werden.
Einzigartige Allianz
Es ist ein historischer Moment: Noch nie hat sich die deutsche Einwanderungsgesellschaft in dieser Breite und Geschlossenheit für medienpolitische Forderungen zusammengeschlossen. Mehr als ein Viertel der Menschen in Deutschland hat eine Migrationsgeschichte. Der offene Brief vereint große bundesweite Dachverbände wie die Bundeskonferenz der Migrant*innenorganisationen (BKMO), Dachverband der Migrant*innenorganisationen in Ostdeutschland (DaMOst), den Bundesverband russischsprachiger Eltern, die neuen deutschen organisationen (ndo) und die Türkische Gemeinde in Deutschland (TGD). Flankiert wird das Bündnis von einer enormen gesellschaftlichen Breite: Von der Initiative 19. Februar, der Bildungsinitiative Ferhat Unvar, der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) über den Bundesverband der Deutsch-Polnischen Gesellschaften, kurdische Initiativen, Verbände der Sinti und Roma bis hin zu italienischen Comites. Auch Stimmen aus Medien, Kultur, Wissenschaft und Politik, darunter die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di, das Grimme Institut und der Deutsche Musikrat, unterstützen den Appell.

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Ein unersetzbarer Raum gegen gesellschaftliche Polarisierung
In Zeiten eines erstarkenden Rechtsextremismus fehlt die ARD dort, wo sie gebraucht wird. Fällt COSMO weg, schrumpft der einzige interkulturelle, mehrsprachige Raum für diverse Perspektiven und ein unverzichtbarer Schutzschild gegen Desinformation.
Drei Kernforderungen an die ARD
Das Bündnis fordert transparente Antworten auf strategische Kernfragen:
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Ausbau statt Abwicklung: COSMO muss als ARD-Kooperationsprogramm mit bundesweiter Reichweite weiterentwickelt werden – als modernes crossmediales Angebot für eine vielfältige Gesellschaft. Dazu gehört auch, dass muttersprachliche Angebote im öffentlich-rechtlichen Radio weiterhin sichtbar und hörbar bleiben.
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Transparenz bei der Reichweite: Die ARD muss zeitnah darlegen, wie sie feststellt, ob und wie sie im Sinne ihres Auftrags die Bevölkerung mit Migrationsgeschichte erreicht und wie sie dies evaluiert.
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Strukturelle Verankerung: Die ARD muss erklären, welche Rolle die plurale Einwanderungsgesellschaft in ihrer Gesamtstrategie hat.
Elena Kountidou, Initiatorin und Geschäftsführerin der Neuen deutschen Medienmacher*innen: „Der Appell von über 500 Organisationen zeigt: Das Aus von COSMO darf sich die ARD nicht leisten. Vielfalt im Gesamtprogramm ist Pflicht, kein Vorwand, ein unverzichtbares Programmangebot abzuwickeln. Eine plurale Gesellschaft braucht einen festen Ort, an dem sie sprachlich und kulturell stattfindet. Statt Abwicklung braucht es jetzt den bundesweiten Ausbau.“
Die Zivilgesellschaft fordert die ARD-Spitze zu einem konkreten, zeitnahen Dialog auf. Wie groß der Rückhalt in der Bevölkerung ist, zeigt auch die parallel laufende Petition „Save Cosmo“ mit mehr als 100.000 Unterschriften.
Zitate aus dem Bündnis
Gökay Sofuoğlu, Bundesvorsitzender, Türkische Gemeinde in Deutschland e.V. (TGD): „Die geplante Einstellung von COSMO ist ein falsches Signal in einer Zeit, in der gesellschaftlicher Zusammenhalt und Verständigung mehr denn je gefragt sind. Es braucht mehr Erzählungen aus und über unsere Einwanderungsgesellschaft statt weniger.“
Anastasia Sudzilovskaya, stellvertretende Geschäftsführerin, Bundesverband russischsprachiger Eltern (BVRE): „Tagtäglich erreichen Desinformationen Eltern und Kinder über Social Media und Messenger und wir leisten viel Aufklärungsarbeit dagegen. Die ARD darf uns damit nicht alleine lassen. Mehrsprachige, verlässliche Informationsangebote sind notwendige Grundversorgung.“
Karim El-Helaifi, Geschäftsführer, neue deutsche organisationen (ndo): „Mediale Sichtbarkeit ist Voraussetzung für gleichberechtigte Teilhabe. Mit der Abschaffung von COSMO verliert mehr als ein Viertel der Gesellschaft seine Stimme im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Das widerspricht dem Grundgedanken des Sendeauftrags.“
Kelly Laubinger, Geschäftsführerin, Sinti Union Schleswig-Holstein: „Wir kennen Unsichtbarkeit. Und wir wissen, was es bedeutet, wenn Mehrheitsinstitutionen entscheiden, dass bestimmte Communitys nicht adressiert werden müssen. COSMO war eine Ausnahme von dieser Regel. Eine, die es zu erhalten gilt.“
Prof. Dr. Naika Foroutan, Sozialwissenschaftlerin, Humboldt Universität zu Berlin: „Wenn COSMO verschwindet, geht nicht nur die mediale Vielfalt verloren. Es schrumpft auch der Raum, in dem sich unterschiedliche Teile dieser Gesellschaft gegenseitig wahrnehmen und verstehen können.“
Karen Taylor, Vorsitzende, Bundeskonferenz der Migrant*innenorganisationen (BKMO): „Ohne uns keine funktionierende Demokratie, keine Chancengerechtigkeit, kein Wohlstand für alle. Machen Sie Programm mit uns und nicht nur für uns.”
Quelle: Pressemitteilung der NdM vom 11.6.2026
Hintergrund: Was die ARD plant
Die ARD spart genau dort, wo es die Demokratie am härtesten trifft. Am 3. Juni 2026 hat der WDR-Rundfunkrat beschlossen, COSMO ab dem 1. April 2027 nicht mehr weiterzuführen. Der einzige interkulturelle und mehrsprachige Radiosender der ARD soll zu einer Hip-Hop-Welle namens „1Live Street“ schrumpfen. In Zeiten, in denen der Rechtsextremismus erstarkt, ist dieses Signal des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (ÖRR) fatal. Wer COSMO wegrationalisiert, beschädigt die Glaubwürdigkeit des ÖRR und gefährdet den gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Was verloren geht: Die DNA der Vielfalt
Ein Drittel der Menschen in Deutschland hat eine Migrationsgeschichte. Für dieses Publikum war COSMO nie „nur" Radio, sondern ein verlässlicher Anknüpfungspunkt für migrantische und queere Communities. Wer COSMO auf „jungen Mainstream-Hip-Hop" reduziert, löst die DNA des Senders auf und entzieht diesen Communities ihre mediale Repräsentanz.
Was verloren geht: Mehrsprachigkeit als Schutz vor Desinformation
Die COSMO-Formate auf Russisch, Italienisch, Kurdisch oder Polnisch und in weiteren Sprachen sind ARD-weit die einzigen seriösen, öffentlich-rechtlichen Informationsangebote in der jeweiligen Erstsprache. Wer diese Lücke reißt, überlässt Menschen den Algorithmen von Social Media und staatlich gelenkten Auslandsmedien. Das begünstigt Desinformation und schadet dem gesellschaftlichen Zusammenhalt. Künftig soll es beim WDR neben den "WDRforyou"-Angeboten (Arabisch/Farsi/Englisch) nur noch ein digitales Angebot auf Türkisch geben. Wie die Partneranstalten rbb und Radio Bremen künftig mit dem Wegfall des Programms verfahren, ist offen. So sieht keine strategische Zukunft des ÖRR aus.
Das Scheinargument: „Querschnittsauftrag“ ersetzt COSMO nicht
Senderverantwortliche argumentieren, Vielfalt sei ein „Querschnittsauftrag“, der ohnehin im Hauptprogramm stattfinde. Ein Querschnittsauftrag ersetzt kein fokussiertes, community-nahes Programm. Wie viel durch die Streichung überhaupt gespart wird, bleibt laut einem Gutachten der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs unklar. Statt COSMO zu opfern, braucht es eine echte Weiterentwicklung: innovative Programmkonzepte, mehr Marketing-Budget, eine kluge Verzahnung von Linear und Digital und den Mut zu neuen Kooperationen zwischen ARD-Anstalten.
Die NdM fordern: COSMO muss bleiben!
Die Landesregierungen von Berlin und Brandenburg haben am 2. Juni 2026 einen Entwurf zur Änderung des RBB-Staatsvertrags beschlossen. Dieser sieht vor, ein Radioprogramm zu streichen. Wir fordern die Rundfunkrät*innen und die Politik auf: Stoppen Sie diesen Kahlschlag! Wiederholen Sie nicht den historischen Fehler von 2008, als der rbb mit dem Aus von Radiomultikulti eine tragende Säule der Vielfalt opferte. Sparzwänge rechtfertigen kein Demokratiedefizit.
Die Debatte um COSMO ist eine Grundsatzentscheidung für die gesamte Medienwelt: Investieren wir in Strukturen, die mit einer diversen Gesellschaft Schritt halten, oder verlieren wir den Anschluss? Medien, die Vielfalt nur noch nebenbei behandeln, verabschieden sich von der Zukunft und von ihrer eigenen Relevanz.
Quelle: Pressemitteilung der NdM vom 4.6.2026

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