Seit mehr als einem Jahrhundert setzt sich der Hildegardis-Verein dafür ein, Frauen auf ihrem Bildungs- und Berufsweg zu stärken – mit finanzieller Förderung, Mentoring und dem festen Glauben, dass gesellschaftlicher Wandel bei den Menschen beginnt.
Liebe Leserin, lieber Leser,
Ein Interview mit der Geschäftsführerin Frau Mock
Guten Tag Frau Mock, Sie sind Geschäftsführerin des Hildegardis-Vereins. Was genau macht der Hildegardis-Verein?
Der Hildegardis-Verein wurde 1907 gegründet mit dem Ziel, Frauen gleiche Bildungschancen zu ermöglichen. Den Gründerinnen war es wichtig, dass Frauen genauso selbstverständlich studieren können wie Männer. Seit vielen Jahrzehnten vergeben wir zinslose Darlehen, die Frauen auf ihrem Bildungsweg finanziell unterstützen und ihnen zugleich Unabhängigkeit ermöglichen. Außerdem führen wir mehrere Mentoring-Programme durch.
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Mit den Darlehen wollen wir Frauen ermöglichen, unabhängig über ihre Bildungswege zu entscheiden. Die Gelder werden daher immer an die Antragstellerinnen direkt ausgezahlt und nicht etwa an Familienangehörige, wie einen Ehemann oder die Eltern.
Wie funktioniert die Darlehensförderung?
Wir begleiten zeitgleich rund 60 bis 80 Frauen. Sie erhalten ein zinsloses Darlehen von bis zu 10.000 Euro, das nach Abschluss der Förderung zurückgezahlt wird. Die Rückzahlungsquote beim Hildegardis-Verein ist mit über 95 Prozent erfreulich hoch.

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Ein Grund für die hohe Zuverlässigkeit ist sicherlich unser Auswahlverfahren. Wir führen mit allen Bewerberinnen Gespräche, beantworten Fragen und bauen von Anfang an eine vertrauensvolle Beziehung auf. Viele Frauen sagen uns später: „Das Darlehen bedeutet für mich nicht nur finanzielle Unterstützung, sondern auch das Gefühl, dass jemand an mich glaubt und mich in schwierigen Lebensphasen begleitet.“
Hinzu kommt der Gedanke, dass die Frauen wissen, dass ihre Rückzahlungen wiederum die Förderung der nächsten Generation ermöglichen. Finanziert werden die Darlehen aus dem Grundvermögen des Vereins sowie durch Mitgliedsbeiträge und Stiftungspartner.

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Welche Frauen profitieren von diesem Angebot?
Wir fördern Frauen in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen. Wir sagen gern, dass wir Biografie begleitend fördern. Das kann die junge Studentin sein, die als Erste in ihrer Familie studiert und deren Eltern das Studium finanziell nicht unterstützen können oder wollen. Es kann aber auch eine Frau sein, die nach einer Familien- oder Pflegephase erst mit über 30 Jahren ein Studium beginnt oder wieder aufnimmt und deshalb keine BAföG-Förderung mehr erhält.
Eine weitere wichtige Zielgruppe sind Studentinnen aus Nicht-EU-Staaten, etwa aus Afrika oder Südamerika. Unser Anspruch ist es, genau dort zu unterstützen, wo staatliche Förderinstrumente an ihre Grenzen stoßen. Wir schließen Lücken, die ohne unser Angebot Bildungsbiografien gefährden würden.
Der Hildegardis-Verein ist im katholischen Glauben verwurzelt. Welche Rolle spielt das bei der Vergabe der Darlehen?
Der Verein wurde von katholischen Frauen gegründet und versteht sich als Teil der konfessionellen Frauenbewegung. Anfang des 20. Jahrhunderts war das ein bemerkenswertes Engagement, denn viele junge Frauen hatten damals kaum die Chance auf eine eigene Bildungsbiografie und waren 1907 noch nicht überall in Deutschland zu den Hochschulen zugelassen.
Heute verstehen wir unseren Auftrag deutlich breiter. Wir fördern Christinnen, das heißt Frauen mit einer christlichen Konfession können sich ebenso bewerben wie Frauen, die sich am christlichen Menschenbild orientieren – unabhängig davon, ob sie getauft sind oder nicht.

Birgit Mock, die Geschäftsführerin des Hildegardis-Vereins
© ZdK, Fotograf Peter Bongard
Und in der Arbeit des Vereins, welche Rolle spielt da der Glaube?
Unsere Gremien arbeiten vollständig ehrenamtlich. Und – so haben wir es auch in unserer Satzung geschrieben - alle Projekte des Hildegardis-Vereins gründen auf dem christlichen Menschenbild und sind insbesondere stärkenorientiert. Unsere Vorstandsfrauen engagieren sich neben ihrem Beruf in unserem Verein, weil sie überzeugt sind, dass die gleiche Würde und die gleichen Rechte aller Menschen keine abstrakten Werte sind, sondern konkrete Verantwortung bedeuten. Wir sehen in unserer Gesellschaft noch viele Handlungsbedarfe, insbesondere in Fragen von Geschlechtergerechtigkeit und Inklusion.
Deshalb setzen wir uns für Frauen ein, deren Bildungs- oder Berufschancen benachteiligt sind – ebenso wie für Frauen mit Behinderungen. Außerdem führen wir seit 2015 gemeinsam mit den deutschen Bistümern und der Deutschen Bischofskonferenz ein Mentoring-Programm durch, das den Anteil von Frauen in Führungspositionen der katholischen Kirche erhöhen soll.
Gerade in der katholischen Kirche gelten die Strukturen häufig als festgefahren. Was macht Sie zuversichtlich, dass Ihr Mentoring-Programm etwas bewirken kann?
Wir glauben an die Kraft von Beziehungen. Wenn Menschen miteinander arbeiten und sich gegenseitig stärken, können sich auch Organisationen verändern.
Mit der Deutschen Bischofskonferenz verbindet uns eine vertrauensvolle Zusammenarbeit. Die Bischöfe bezeichnen das Mentoring-Programm als die wirksamste Maßnahme zur Förderung von Frauen in Führungspositionen, seit sie sich 2013 dazu entschlossen haben, den Anteil von Frauen in Führung bewusst zu erhöhen. Seit Beginn unseres Mentorings ist der Anteil von Frauen in Leitungsfunktionen der Kirche in Deutschland kontinuierlich angestiegen.
Vor allem erleben wir, wie Frauen Selbstvertrauen gewinnen. Sie entdecken ihre Stärken, probieren Neues aus und erfahren Ermutigung durch die Gruppe und das Mentoring. Je mehr Frauen Führungsverantwortung übernehmen, desto mehr weibliche Vorbilder werden sichtbar. Kulturwandel braucht Zeit – aber er beginnt genau dort.
Wie groß ist der Hildegardis-Verein heute?
Der Verein hat rund 150 Mitglieder. Mit unseren Förderprogrammen und Projekten erreichen wir jährlich mindestens 500 Menschen. Dabei wirken unsere Angebote weit über die Projektteilnehmerinnen hinaus: Viele werden zu Multiplikatorinnen und bringen ihre Erfahrungen in ihre Organisationen und Netzwerke ein.
Frauen machen heute häufiger das Abitur und studieren erfolgreich. Warum braucht es dennoch eine spezielle Frauenförderung?
Weil Chancengleichheit noch keine Realität ist. Unsere Darlehen werden weiterhin stark nachgefragt, und auch unsere Projekte zeigen, dass Frauen auf ihrem Bildungs- und Berufsweg nach wie vor auf Barrieren stoßen. Solange Potenziale aufgrund des Geschlechts oder einer Behinderung nicht vollständig entfaltet werden können, bleiben gezielte Förderangebote notwendig.
Der Hildegardis-Verein engagiert sich auch stark für Inklusion. Worum geht es dabei?
Ein Schwerpunkt ist der Übergang vom Studium in den Beruf. Gerade für Frauen mit Behinderungen ist diese Phase besonders herausfordernd. Sie fühlen sich durch Stellenausschreibungen nicht angesprochen und vermissen flexible Arbeitszeitmodelle.
In unserem Projekt „InklusionsGuides“ setzen wir genau hier an: Studentinnen, Absolventinnen und Berufseinsteigerinnen mit Behinderung gehen – als Expertinnen in eigener Sache – in eine Organisation, als „InklusionsGuides“. Sie beraten die Unternehmen mit dem Ziel, Bewerbungs- und Arbeitsprozesse inklusiver zu gestalten. Sie prüfen beispielsweise Stellenausschreibungen, Bewerbungsprozesse oder die Barrierefreiheit von Gebäuden.
Den behinderten Frauen fallen oft Dinge auf, die anderen gar nicht bewusst sind: Blindenleitsysteme enden im Blumenbeet, Aufzugtüren schließen, noch bevor eine Rollstuhlfahrerin herausgefahren ist, oder Räume, in denen Bewerbungsgespräche stattfinden, sind für neurodivergente Menschen ungeeignet. Die Erfahrungen der Guides helfen Unternehmen, konkrete Verbesserungen umzusetzen.
Bei diesem Projekt engagieren sich Unternehmen, die eine sehr hohen Sensibilität und ein großes Interesse mitbringen, etwas zu verändern. Viele sagen zu Beginn, sie wünschen sich mehr Bewerbungen von Menschen mit Behinderung, aber sie bekämen kaum welche. Und dann werden die Hürden im Bewerbungs- und Auswahlprozess identifiziert. Jeweils zwei Frauen mit unterschiedlichen Behinderungsarten beraten einen Arbeitgeber. Unter den Arbeitgebern sind auch große Organisationen wie mehrere Polizeibehörden in NRW, Hochschulen und Universitäten oder Fußballvereine.
Gibt es auch Projekte, an denen Männer teilnehmen können?
Unser Projekt für Menschen mit Multipler Sklerose steht auch Männern offen – auch wenn bislang deutlich mehr Frauen teilnehmen. Das dürfte unter anderem daran liegen, dass Frauen wesentlich häufiger von MS betroffen sind. Viele Teilnehmende haben ihre Diagnose erst vor Kurzem erhalten und stehen vor Fragen wie: Kann ich meinen Beruf weiter ausüben? Wann und wie informiere ich meinen Arbeitgeber? Wann und wie spreche ich mit der Familie und Freunden darüber?
Für sie gibt es eine geschlossene Gruppe, mit der wir einen „Safe Space“ geschaffen haben. Die Teilnehmenden unterstützen sich wechselseitig und profitieren unter anderem von Coachingangeboten.
Welche Zukunftsfragen beschäftigen den Hildegardis-Verein?
Es war immer eine Stärke des Hildegardis-Vereins, gesellschaftliche Entwicklungen früh zu erkennen und flexibel darauf zu reagieren.
Während der Corona-Pandemie haben wir kurzfristig Soforthilfe-Darlehen eingeführt. Nach Beginn Krieges gegen die Ukraine haben wir erneut schnell gehandelt und Unterstützungsangebote für Ukrainerinnen ermöglicht.
Aktuell beobachten wir mit Sorge populistische Strömungen, bei denen Frauenrechte und Inklusion zunehmend infrage gestellt werden. Ich bin überzeugt, dass diese Entwicklungen unsere Arbeit in den kommenden Jahren stärker prägen werden.
Zum Schluss: Was möchten Sie den Blog-Leserinnen und -Lesern noch mitgeben?
Was mich am Hildegardis-Verein begeistert, sind die Menschen. Hier engagieren sich Frauen, die mutig handeln und Veränderungen anstoßen wollen. Wenn wir einen Handlungsbedarf erkennen, warten wir nicht, sondern entwickeln Lösungen, die in vertrauensvollen Kooperationen „auf die Straße“ gebracht werden und idealerweise langfristig wirken.
Wir setzen auf Begegnung, Ermutigung und Solidarität. Die Frauen im ehrenamtlichen Vorstand und die Mitarbeiterinnen der Geschäftsstelle setzen sich mit großem Engagement dafür ein. Diese gemeinsame Haltung macht den Hildegardis-Verein aus – und sie bereitet mir persönlich jeden Tag große Freude.
Frau Mock, vielen Dank für das Gespräch.
Herzlichst,
Ihre Bettina Franzke
