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Frauen in Ost- und Westdeutschland – gleiche Rechte, unterschiedliche Realitäten

Frauen in Ostdeutschland sind in Beruf und Familie gleichgestellter als in Westdeutschland, es ist aber in beiden Landesteilen noch viel zu tun.

Bettina Franzke_100x100px_rund.png
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Liebe Leserin, lieber Leser,

Mehr als drei Jahrzehnte nach der deutschen Wiedervereinigung ist Gleichstellung rechtlich verankert und gesellschaftlich breit akzeptiert. Dennoch unterscheiden sich die Lebenslagen von Frauen in Ost- und Westdeutschland bis heute in zentralen Punkten. Die Besonderheiten in Ostdeutschland wie gute Kinderbetreuungsmöglichkeiten und eine hohe Erwerbsbeteiligung von Müttern mögen ein spätes Relikt aus sozialistischen Zeiten sein, in denen Vollbeschäftigung ein politisches Ziel war. Die Unterschiede zeigen sich in Erwerbsverläufen, Einkommen, Rentenansprüchen und nicht zuletzt in den Vorstellungen über Mutterschaft und weibliche Erwerbsarbeit. Für eine wirksame Gleichstellungspolitik ist es interessant, diese Differenzen in den Blick zu nehmen.

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Lebenssituationen von Frauen: Ost und West im Vergleich

Ein markanter Unterschied besteht in den Familien- und Erwerbskonstellationen. So leben in Ostdeutschland anteilig mehr Frauen als Alleinerziehende (24,7 im Vergleich zu 18,7 Prozent, Menne & Funcke, 2024). Gleichzeitig ist dort das sogenannte Zuverdienerinnen-Modell – männliche Vollzeit, weibliche Teilzeit – deutlich weniger verbreitet als im Westen (Gambaro et al., 2024). Stattdessen ist das historisch gewachsene Leitbild der durchgehend erwerbstätigen Mutter verbreitet, das in der DDR durch flächendeckende Kinderbetreuung politisch gestützt wurde.

In Westdeutschland hingegen überwiegen traditionelle Arrangements (Gambaro et al., 2024). Frauen unterbrechen ihre Erwerbstätigkeit häufiger und länger für Sorgearbeit, vor allem nach der Geburt von Kindern. Auch wenn sich Lebensentwürfe pluralisiert haben, bleibt das Modell der „Hinzuverdienerin“ in Paarhaushalten mit Kindern dominant. Dies zeigt sich darin, dass in Westdeutschland, je nach Alter des Kindes, nur zwölf bis 16 Prozent der Paare in einer Vollzeit-Vollzeit-Konstellation leben, während dies in Ostdeutschland bei knapp der Hälfte der Paare der Fall ist (Gambaro et al., 2024).

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Frauen am Arbeitsmarkt: Beteiligung, Arbeitszeit und Einkommen

Die unterschiedlichen Leitbilder spiegeln sich auch auf dem Arbeitsmarkt wider. So weisen Frauen in Ostdeutschland seit einigen Jahren eine höhere Erwerbstätigenquote auf als Frauen in Westdeutschland. Zwar sind in beiden Landesteilen weniger Frauen als Männer erwerbstätig, doch fällt die Geschlechterlücke im Osten geringer aus. 2021 lag sie bei etwa fünf Prozentpunkten, im Westen bei rund acht Prozentpunkten (Pfahl et al., 2023).

Besonders markant ist der Unterschied bei der Arbeitszeit. Während in Westdeutschland etwa jede zweite erwerbstätige Frau in Teilzeit arbeitet, ist es in Ostdeutschland nur etwa jede dritte (Pfahl et al, 2023). Teilzeitarbeit konzentriert sich im Westen stark auf Mütter: Drei von vier erwerbstätigen Müttern arbeiten dort in Teilzeit, im Osten weniger als jede zweite. Der sogenannte Gender Time Gap – also der Unterschied in den durchschnittlichen Wochenarbeitszeiten von Frauen und Männern – ist in Westdeutschland fast doppelt so hoch wie in Ostdeutschland (Pfahl et al., 2023).

Diese Muster haben direkte Folgen für das Einkommen. Der Gender Pay Gap ist in Westdeutschland deutlich höher als im Osten. Für 2022 weist die Statistik eine unbereinigte Entgeltlücke von rund 19 Prozent im Westen gegenüber etwa sieben Prozent im Osten aus. Bemerkenswert ist dabei, dass der geringere Gender Pay Gap im Osten weniger auf eine bessere Bezahlung von Frauen als vielmehr auf ein insgesamt niedrigeres Lohnniveau – insbesondere bei Männern – zurückzuführen ist (Pfahl et al., 2023). Gleichwohl sind die Einkommensunterschiede zwischen Frauen und Männern im Westen ausgeprägter und verfestigen sich über den Lebensverlauf.

Auch in Führungspositionen zeigen sich Differenzen: Frauen in Ostdeutschland sind häufiger in leitenden Funktionen vertreten als Frauen im Westen, wenngleich sie auch dort unterrepräsentiert sind. Teilzeit wirkt in beiden Landesteilen als Karrierekiller, doch insbesondere in Westdeutschland haben selbst vollzeitbeschäftigte Frauen geringere Chancen auf Führungspositionen als Männer.

(Pfahl et al., 2023).

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Altersvorsorge: Der lange Schatten der Erwerbsbiografie

Die Unterschiede kulminieren im Rentenalter. Ostdeutsche Frauen beziehen im Durchschnitt deutlich höhere Altersrenten als westdeutsche Frauen. Grund dafür sind ihre längeren und kontinuierlicheren Erwerbsverläufe sowie der geringere Anteil an Minijobs und langen Erwerbsunterbrechungen. Während die Rentenlücke zwischen Frauen und Männern im Westen bei fast 40 Prozentpunkten liegt, beträgt sie im Osten etwa 16 Prozentpunkte (Pfahl et al., 2023). Altersarmut ist damit zwar kein ausschließlich westdeutsches Problem, trifft Frauen dort aber besonders häufig.

Frauen- und Mutterbilder: Persistenz und Wandel

Hinter den beschriebenen Unterschieden stehen unterschiedliche Vorstellungen zu Geschlechterrollen. In Ostdeutschland ist das Bild der (vollzeit-)erwerbstätigen Mutter weit verbreitet. Erwerbsarbeit wird als Bestandteil weiblicher Autonomie und sozialer Teilhabe betrachtet. In Westdeutschland ist Mutterschaft hingegen noch häufiger mit der Erwartung verbunden, Kinder in den ersten Lebensjahren intensiv selbst zu betreuen. Diese Normen beeinflussen nicht nur individuelle Entscheidungen, sondern auch Erwartungen an Frauen im Beruf.

Gleichzeitig sind Annäherungen zu beobachten: In beiden Landesteilen äußern jüngere Generationen von Frauen und Männern gleichermaßen Gleichstellungsansprüche. Auch im Westen wächst die Akzeptanz von Müttern, die in Vollzeit erwerbstätig sind. Dennoch wirken institutionelle Rahmenbedingungen wie das Steuerrecht, Minijobs und unzulängliche Angebote bei der Kinderbetreuung weiterhin normstabilisierend.

Konsequenzen für Gleichstellungsarbeit in Ost und West

Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für Gleichstellungsbeauftragte? Gleichstellungspolitik muss stark in der jeweiligen Region verankert sein. In Westdeutschland besteht besonderer Handlungsbedarf beim Abbau traditioneller Rollenbilder, beim Ausbau der Kinderbetreuung, bei der Förderung einer partnerschaftlichen Aufteilung von Berufs- und Sorgearbeit sowie bei der Reduzierung struktureller Anreize für weibliche Teilzeit. Hier stößt Gleichstellungsarbeit häufiger auf unsichtbare Widerstände und Normen, die Gleichberechtigung im Alltag unterlaufen.

In Ostdeutschland liegt der Fokus hingegen stärker auf einer besseren Bezahlung, besseren Aufstiegschancen und der Vermeidung einer Überlastung durch die Doppelrolle aus Erwerbs- und Sorgearbeit. Auch dort sind Frauen nicht „gleichgestellt“, sondern lediglich in manchen Bereichen der formalen Gleichheit näher als im Westen. Für beide Landesteile gilt: Ohne eine gleichstellungsorientierte Arbeitsmarkt-, Familien- und Sozialpolitik bleiben die individuellen Verwirklichungsmöglichkeiten von Frauen und Männern begrenzt. Die Unterschiede zwischen Ost und West sind somit weniger ein Argument gegen eine gesamtdeutsche Gleichstellungspolitik, sondern vielmehr ein Hinweis darauf, dass Gleichstellung unterschiedliche Ausgangsbedingungen berücksichtigen muss.

Herzlichst,
Ihre Bettina Franzke

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