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Margarete Schütte-Lihotzky: Die Architektin, die den Alltag veränderte

Mit der Frankfurter Küche wollte sie Hausarbeit effizienter machen – und damit vor allem Frauen entlasten. Ihr Werk zeigt, wie eng Architektur, soziale Fragen und Gleichstellung miteinander verbunden sind.

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Liebe Leserin, lieber Leser,

Frankfurter Küche

Die von Margarete Schütte-Lihotzky gestaltete Frankfurter Küche.
Ausgestellt im Ernst-May-Haus in Frankfurt am Main.
Fotograf: Simon Keckeisen.


Architektur erscheint auf den ersten Blick oft unpolitisch: Wände, Türen, Fenster, Grundrisse. Doch die Räume, in denen wir leben und arbeiten, beeinflussen, wer welche Tätigkeiten übernimmt, wie viel Zeit dafür aufgewendet werden muss, wer Zugang zu welchen Bereichen hat und welche Formen des Zusammenlebens möglich sind. Kaum eine Architektin hat diesen Zusammenhang so konsequent mitgedacht wie Margarete Schütte-Lihotzky. Ihr Name ist vor allem mit der „Frankfurter Küche“ verbunden. Dahinter steht jedoch ein wesentlich umfassenderes Programm: Architektur sollte soziale Probleme aufgreifen, Alltagsarbeit erleichtern und dazu beitragen, gesellschaftliche Veränderungen zu ermöglichen.

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Eine Architektin mit sozialem Anspruch

Margarete Schütte-Lihotzky wurde 1897 in Wien geboren und starb im Jahr 2000 ebendort. Sie war die erste Frau, die in Österreich ein Architekturstudium abschloss. Bereits während ihrer Ausbildung interessierte sie sich für Fragen des sozialen Wohnens. Ihre berufliche Laufbahn führte sie zunächst in die Wiener Siedlerbewegung und später nach Frankfurt am Main. Dort arbeitete sie ab 1926 im Rahmen des von Ernst May geleiteten Wohnungsbauprogramms „Neues Frankfurt“. In den folgenden Jahren war sie außerdem in der Sowjetunion und in der Türkei tätig. Während des Nationalsozialismus engagierte sie sich im antifaschistischen Widerstand, wurde 1941 verhaftet und zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach ihrer Befreiung 1945 setzte sie sich weiterhin für sozialen Wohnbau, Frauenrechte und Frieden ein (Deutsche Biographie, 2026; Zogmayer, 2026).

Ihre Biografie zeigt, dass Schütte-Lihotzky Architektur nicht als rein ästhetische Disziplin verstand. Für sie war Bauen eng mit gesellschaftlichen Bedingungen verbunden. In ihren Erinnerungen betont sie, dass Wohnformen nicht einfach aus der „Idee“ eines einzelnen Menschen entstehen. Sie seien vielmehr Ausdruck der Lebensbedingungen und Gewohnheiten einer Gesellschaft (Zogmayer, 2026, S. 137). Diese Perspektive ist für die heutige Gleichstellungsarbeit bemerkenswert: Wenn Lebensbedingungen gesellschaftlich geprägt sind, können sie auch durch Gestaltung verändert werden.

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Die Frankfurter Küche: weniger Arbeit, mehr Zeit?

Bekannt wurde Schütte-Lihotzky durch die 1926 entwickelte „Frankfurter Küche“. Sie entstand im Kontext des sozialen Wohnungsbaus im „Neuen Frankfurt“ und war für die damals entstehenden Kleinwohnungen gedacht. Das Konzept war radikal funktional: Die Küche sollte auf kleinem Raum möglichst viele Arbeitsabläufe effizient ermöglichen. Schütte-Lihotzky analysierte Handgriffe und Wege bei der Hausarbeit und ordnete Arbeitsflächen, Schränke und Geräte entsprechend an. Vorbild war die Küche eines Speisewagens. Die Küche wurde damit gewissermaßen zu einem rationalisierten Arbeitsplatz im Haushalt (Henderson, 2009; Schütte-Lihotzky, 2026).

Auch die räumliche Trennung von Küche sowie Wohn- und Essbereich war Teil dieses Konzepts. Schütte-Lihotzky beschreibt in ihren Erinnerungen, dass sich die Wohnformen aus den jeweiligen technischen und sozialen Bedingungen entwickelten. Solange eine zentrale Feuerstelle zum Kochen und Heizen notwendig war, lagen Kochen, Essen und Wohnen zwangsläufig eng zusammen. Mit den neuen technischen Errungenschaften (Elektrizität, Gasversorgung usw.) wurde eine andere Organisation der Wohnung möglich (Zogmayer, 2026, S. 46–60).

All das hat viel mit Gleichstellung zu tun. Hausarbeit war und ist ungleich verteilt. In den 1920er-Jahren leisteten Frauen einen großen Teil der unbezahlten Haushaltsarbeit, auch dann, wenn sie selbst berufstätig waren. Eine Küche, die Wege und Handgriffe verkürzte, konnte diese Arbeit zeitlich und körperlich reduzieren. Schütte-Lihotzkys Ziel wollte die Hausarbeit rationalisieren und damit insbesondere berufstätige Frauen entlasten. Die Frankfurter Küche war deshalb nicht nur ein Designobjekt, sondern Teil eines sozialen Reformprogramms (Ford, 2023).

Ihre Wirkung sollte allerdings nicht idealisiert werden. Die Rationalisierung machte die Hausarbeit effizienter, stellte aber zunächst nicht die grundsätzliche Zuständigkeit der Frauen für diese Arbeit infrage. Eine kleinere und effizientere Küche kann Frauen entlasten – sie kann aber ebenso dazu beitragen, dass weibliche Hausarbeit effizienter organisiert und damit als selbstverständlich fortgeführt wird. Genau darin liegt eine gewissen Ambivalenz: Architektur kann bestehende Geschlechterrollen verändern, sie kann sie aber auch stabilisieren.

Schütte-Lihotzkys eigene Haltung war differenzierter, als die spätere Reduktion ihrer Arbeit auf die „Frankfurter Küche“ vermuten lässt. Ihr Interesse galt nicht der Küche als solcher, sondern den sozialen Bedingungen des Wohnens. Die Küche war ein Instrument, um alltägliche Arbeit neu zu organisieren. Die Tatsache, dass sie bis heute vor allem mit diesem einen Entwurf identifiziert wird, verstellt deshalb den Blick auf ihr breiteres architektonisches und politisches Werk (Bois, 2025).

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Wohnungen für alleinstehende und berufstätige Frauen

Noch deutlicher wird der Zusammenhang zwischen Architektur und Gleichstellung bei Schütte-Lihotzkys Überlegungen zum Wohnen alleinstehender Frauen. In der Zwischenkriegszeit nahm die Zahl berufstätiger Frauen zu. Damit entstand eine neue soziale Gruppe, für die die traditionellen Wohnmodelle nur bedingt passten. Frauen, die allein lebten und ihren Lebensunterhalt selbst verdienten, benötigten andere Wohnformen als die klassische Familienwohnung.

Schütte-Lihotzky beschäftigte sich deshalb mit Wohnungen für berufstätige Frauen und mit der Frage, wie diese trotz begrenzter finanzieller Mittel selbstständig und angemessen wohnen konnten. Bemerkenswert ist, dass sie sogenannte Ledigenheime ablehnte. Statt Frauen in speziellen Einrichtungen zusammenzufassen, plädierte sie für eine stärkere Durchmischung: Wohnungen für berufstätige Frauen sollten Teil regulärer Wohngebäude sein. Dabei unterschied sie verschiedene Gruppen berufstätiger Frauen und entwickelte Wohnungsgrößen und -typen, die sich an deren unterschiedlichen Einkommen und Lebenssituationen orientierten (Zogmayer, 2026).

Damit berührt ihre Architektur eine zentrale Gleichstellungsfrage: Wer war beim Wohnen die gesellschaftliche Norm? Die traditionelle Wohnung war stark auf die Familie ausgerichtet. Alleinlebende Frauen erschienen dagegen als Sonderfall. Schütte-Lihotzkys Entwürfe stellten diese Perspektive infrage. Selbstständiges Wohnen wurde als legitime Lebensform behandelt und architektonisch berücksichtigt. Neuere Forschung hebt diese Auseinandersetzung mit dem „Existenzminimum“ und den Bedürfnissen alleinstehender berufstätiger Frauen positiv hervor (Ford, 2023).

Was Gleichstellungsbeauftragte von Architektur lernen können

Für viele Gleichstellungsbeauftragte mag Architektur wie ein fachfremdes Thema wirken. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Gleichstellung findet nicht nur in Gesetzen, Personalentscheidungen oder Sprache statt. Sie zeigt sich auch in der materiellen Umgebung: in Büros, Schulen, Wohnhäusern, öffentlichen Plätzen, Verkehrswegen und Betreuungseinrichtungen.

Ein Gebäude kann Menschen einladen oder ausschließen. Ein Grundriss kann Betreuung, Begegnung und gemeinschaftliche Nutzung erleichtern – oder sie erschweren. Fehlende Barrierefreiheit kann Menschen mit Behinderungen ausschließen. Eine Stadtplanung, die unbezahlte Sorgearbeit nicht mitdenkt, kann Frauen benachteiligen, da sie häufiger Wege zwischen Erwerbsarbeit, Kinderbetreuung und Haushalt zurücklegen. Räume für Rückzug, Pflege, Stillen oder Kinderbetreuung können dagegen Teilhabe ermöglichen.

Schütte-Lihotzkys Ansatz macht deutlich, dass „neutral“ gestaltete Räume nicht automatisch neutral wirken. Wenn eine Wohnung von einem bestimmten Familienmodell ausgeht, wenn Arbeitsplätze nur für eine Person ohne Sorgeverpflichtungen konzipiert sind oder wenn öffentliche Räume bestimmte Nutzungen bevorzugen, werden die Bedürfnisse von Frauen mitunter ausgeblendet. Gleichstellungsorientierte Planung muss deshalb fragen: Wer nutzt diesen Raum? Wer wurde bei seiner Planung mitgedacht? Welche Aktivitäten finden hier statt – auch unbezahlte? Wer hat Zeit, Geld, Sicherheit und Zugang? Und wer fehlt?

Die Frankfurter Küche liefert dafür ein historisches Beispiel. Schütte-Lihotzky nahm eine Tätigkeit ernst, die gesellschaftlich häufig unsichtbar blieb: die Hausarbeit. Sie untersuchte die Lagerung und Zubereitung von Speisen systematisch und machte sie zum Gegenstand professioneller Planung. Für die Gleichstellungsarbeit liegt darin eine wichtige Botschaft: Was sichtbar gemacht und planerisch berücksichtigt wird, kann verändert werden.

Gleichzeitig zeigt ihr Beispiel, dass technische Lösungen allein keine Gleichstellung herstellen. Eine perfekt organisierte Küche verteilt die Hausarbeit nicht automatisch partnerschaftlich zwischen den Geschlechtern. Dafür braucht es gesellschaftliche Veränderungen, andere Rollenbilder, eine faire Verteilung unbezahlter Arbeit und auf Gleichstellung zielende politische Rahmenbedingungen. Architektur kann solche Veränderungen unterstützen, aber nicht ersetzen.

Margarete Schütte-Lihotzky ist mehr als die „Erfinderin der Einbauküche“. Sie steht für ein Verständnis von Architektur als gesellschaftlicher Praxis. Ihre Arbeit zeigt, dass Gleichstellung eine räumliche Dimension besitzt. Wer über gerechte Arbeits- und Lebensbedingungen spricht, muss deshalb auch über die Räume sprechen, in denen Menschen arbeiten, wohnen, sich kümmern und zusammenleben. Architektur entscheidet nicht allein darüber, wie gleichberechtigt eine Gesellschaft ist. Aber sie kann Bedingungen schaffen, unter denen Gleichstellung leichter – oder schwerer – gelebt werden kann.

Herzlichst,
Ihre Bettina Franzke 

Literatur

Bois, M. (2025). Forschung als Fortschreibung von Selbstnarrativen? Zur Nachwirkung von Margarete Schütte-Lihotzkys Lebenserzählungen. RIHA Journal, 0328. DOI: https://doi.org/10.11588/riha.2025.2.110584

Deutsche Biographie (2026). Schütte-Lihotzky, Margarete.

Ford, C. (2023). „Woman as Creator“: Margarete Schütte-Lihotzky’s and Juliette Tréant-Mathé’s design of the new dwelling in interwar Europe. Architectural Theory Review, 26(2), 241–272.

Henderson, S. (2009). Housing the single woman: The Frankfurt experiment. Journal of the Society of Architectural Historians, 68(3), 358–377.

Zogmayer, K. (Hrsg.). (2026). Margarete Schütte-Lihotzky. Warum ich Architektin wurde (3. Aufl.). Residenz Verlag.

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