Ein neues Berufsbild bietet Chancen für Frauen im Gesundheitswesen.
Liebe Leserin, lieber Leser,
der Gesundheitssektor gehört zu den am stärksten weiblich geprägten Arbeitsfeldern in Deutschland. Besonders deutlich zeigt sich dies in den Gesundheitsfachberufen: Medizinische Fachangestellte und Zahnmedizinische Fachangestellte zählen bundesweit zu den beliebtesten Ausbildungsberufen von Frauen im dualen System (Bundesinstitut für Berufsbildung, 2025). Auch im Hochschulbereich ist das Interesse groß. Humanmedizin gehört zu den von Frauen am häufigsten gewählten Studienfächern (Statistisches Bundesamt, 2025). Dennoch verlassen viele Frauen im Laufe ihres Erwerbslebens die ursprünglich erlernten Berufe oder reduzieren ihre Arbeitszeit. Gründe dafür sind häufig begrenzte Aufstiegsmöglichkeiten, vergleichsweise niedrige Einkommen sowie traditionell gewachsene Hierarchien im Gesundheitswesen.
Vor diesem Hintergrund gewinnt ein neues Berufsbild zunehmend an Bedeutung: der Physician Assistant (PA). Die akademische Weiterbildung eröffnet qualifizierten Fachkräften neue berufliche Perspektiven und könnte insbesondere für Frauen eine attraktive Karriereoption darstellen.
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Ein neues Berufsbild zwischen Assistenz und eigenständiger Verantwortung
Physician Assistants unterstützen Ärztinnen und Ärzte bei delegierbaren medizinischen Tätigkeiten und übernehmen zugleich eigenständige Aufgaben im Rahmen ärztlicher Verantwortung. Nach Angaben der Bundesärztekammer (2025) und von Berufenet (2026) reicht das Tätigkeitsfeld von der Durchführung medizinischer Maßnahmen wie Blutentnahmen, Wundversorgung oder dem Legen von Venenkanülen über die Assistenz bei Operationen bis hin zur Durchführung von Anamnesen, Patientenberatung, diagnostischen Leistungen und organisatorischen Aufgaben.
Die Deutsche Gesellschaft für Physician Assistants (DGPA e. V., 2026) betont darüber hinaus, dass PAs auch anspruchsvolle Tätigkeiten übernehmen können, beispielsweise sonographische Untersuchungen, die Anlage zentraler Venenkatheter, die erste oder zweite Operationsassistenz sowie Aufgaben im Qualitätsmanagement, in der Forschung oder in der Lehre.
In Deutschland wird die Qualifikation überwiegend über Bachelorstudiengänge erworben. Viele Hochschulen richten sich gezielt an Personen mit einer abgeschlossenen Ausbildung in einem Gesundheitsfachberuf. Dadurch entsteht erstmals ein strukturierter akademischer Aufstiegsweg für Beschäftigte, die bisher nur begrenzte Entwicklungsmöglichkeiten hatten.

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Warum das Berufsbild gerade für Frauen interessant sein kann
Aus Gleichstellungsperspektive ist die Entwicklung besonders bemerkenswert. Viele Gesundheitsberufe mit hohem Frauenanteil bieten bislang nur eingeschränkte Karriereoptionen. Wer beispielsweise als Medizinische Fachangestellte, Pflegefachkraft oder Physiotherapeutin tätig ist, verfügt über umfangreiche praktische Kompetenzen, stößt jedoch häufig an berufliche Entwicklungsgrenzen.
Die Qualifizierung zur Physician Assistant kann hier neue Möglichkeiten eröffnen. Erstens geht sie mit einer deutlichen Erweiterung der fachlichen Verantwortung einher. Beschäftigte übernehmen komplexere Aufgaben und werden stärker in diagnostische und therapeutische Prozesse eingebunden. Zweitens verbessert ein akademischer Abschluss die Einkommensperspektiven. Drittens erhöht sich die berufliche Anerkennung, da die Tätigkeit zwischen klassischem Gesundheitsfachberuf und ärztlicher Tätigkeit angesiedelt ist.
Gerade Frauen, die über langjährige Berufserfahrung verfügen, können dadurch ihr vorhandenes Wissen aufwerten und neue Karrierewege einschlagen, ohne ein vollständiges Medizinstudium absolvieren zu müssen. Das Berufsbild bietet somit eine Alternative zum Medizinstudium, das häufig mit erheblichen zeitlichen, finanziellen und familiären Belastungen verbunden ist.
Darüber hinaus kann die Professionalisierung des Berufsbildes dazu beitragen, geschlechtsspezifische Segregationen im Gesundheitswesen aufzubrechen. Während Führungspositionen und hochqualifizierte Tätigkeiten traditionell stärker von Männern besetzt werden, eröffnet die PA-Qualifikation Frauen den Zugang zu anspruchsvollen Aufgabenfeldern, die bislang Ärztinnen und Ärzten vorbehalten waren.

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Welche Hürden bestehen insbesondere für Frauen?
Trotz des Potenzials ist nicht davon auszugehen, dass alle Interessierten gleichermaßen von den neuen Möglichkeiten profitieren können. Vielmehr bestehen bestimmte Hürden, die Frauen häufig stärker betreffen als Männer.
Ein zentraler Faktor ist die Vereinbarkeit von Studium, Beruf und Familie. Viele potenzielle Bewerberinnen befinden sich in einer Lebensphase, in der sie neben ihrer Erwerbstätigkeit Verantwortung für Kinder oder pflegebedürftige Angehörige tragen. Wenn Studiengänge überwiegend in Vollzeit angeboten werden oder hohe Präsenzanteile erfordern, kann dies eine erhebliche Zugangshürde darstellen.
Hinzu kommen finanzielle Belastungen. Ein Studium bedeutet häufig Einkommenseinbußen, Studiengebühren oder zusätzliche Fahrt- und Betreuungskosten. Gerade Frauen arbeiten häufiger in Teilzeit und verfügen dadurch oftmals über geringere finanzielle Spielräume für Weiterbildungsinvestitionen.
Auch Faktoren in der Organisationskultur spielen eine Rolle. In vielen Einrichtungen bestehen nach wie vor traditionelle Vorstellungen darüber, welche Aufgaben Gesundheitsfachkräfte übernehmen sollen. Neue Berufsrollen müssen sich erst etablieren. Frauen, die sich für einen Karriereaufstieg entscheiden, sehen sich dabei nicht selten mit skeptischen Reaktionen oder erhöhten Rechtfertigungsanforderungen konfrontiert.
Schließlich stellt sich die Frage, in welchen medizinischen Fachbereichen Physician Assistants künftig eingesetzt werden. Viele Studiengänge legen ihren Schwerpunkt auf operative Fächer, Innere Medizin, Notfallmedizin oder Intensivmedizin. Bereiche wie Neurologie, Psychiatrie oder psychosoziale Versorgung werden dagegen bislang teilweise nur am Rande berücksichtigt. Ob sich dadurch langfristig bestimmte Einsatzfelder für PAs entwickeln oder bestehende Versorgungsbereiche unterrepräsentiert bleiben, ist derzeit noch offen.
Konsequenzen für die Gleichstellungsarbeit
Für Gleichstellungsbeauftragte eröffnet die Entwicklung mehrere Handlungsfelder. Zunächst sollten sie das Berufsbild als potenzielles Instrument der Frauenförderung wahrnehmen. Die Qualifizierung zur Physician Assistant kann dazu beitragen, berufliche Entwicklungsmöglichkeiten in frauendominierten Gesundheitsberufen zu erweitern und den Zugang zu höher qualifizierten Tätigkeiten zu erleichtern.
Darüber hinaus ist es wichtig, auf familienfreundliche Studienbedingungen hinzuwirken. Teilzeitmodelle, hybride Lehrformate, flexible Prüfungsregelungen sowie Unterstützungsangebote für Studierende mit Betreuungsverpflichtungen können entscheidend dafür sein, ob Frauen die Weiterbildung tatsächlich nutzen können.
Ebenso sollten Gleichstellungsbeauftragte die Karriereverläufe von Absolventinnen beobachten und die Entwicklung von Gehalts- und Beschäftigungsstrukturen kritisch begleiten. Nur wenn sich die zusätzlichen Qualifikationen auch in verbesserten Arbeitsbedingungen, höherer Vergütung und realen Aufstiegschancen niederschlagen, kann das Berufsbild einen nachhaltigen Beitrag zur Gleichstellung leisten.
Nicht zuletzt bietet sich die Möglichkeit, das Thema in Personalentwicklungsstrategien von Kliniken, Praxen und Gesundheitseinrichtungen zu integrieren. Ziel sollte sein, Frauen gezielt auf Weiterbildungsoptionen aufmerksam zu machen und ihnen den Zugang zu entsprechenden Studienangeboten zu erleichtern.
Fazit
Die Etablierung des Berufsbildes Physician Assistant stellt eine der interessantesten Entwicklungen im deutschen Gesundheitswesen der vergangenen Jahre dar. Für Frauen in Gesundheitsberufen eröffnet sich damit ein neuer akademischer Karriereweg, der fachliche Weiterentwicklung, größere Verantwortung und verbesserte Einkommensperspektiven miteinander verbindet. Ob dieses Potenzial tatsächlich ausgeschöpft wird, hängt jedoch wesentlich von den Rahmenbedingungen ab. Insbesondere Fragen der Vereinbarkeit von Studium, Beruf und Familie werden darüber entscheiden, ob Physician Assistants zu einem wichtigen Instrument der Gleichstellung im Gesundheitswesen werden oder lediglich eine Nischenqualifikation bleiben.
Herzlichst,
Ihre Bettina Franzke
Literatur
Berufenet (2026). Arztassistent/in / Physician Assistant. https://web.arbeitsagentur.de/berufenet/beruf/90902
Bundesärztekammer (2025). Physician Assistance – ein etabliertes Berufsbild im deutschen Gesundheitswesen. https://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/BAEK/Gesundheitsfachberufe/Physician_Assistance_Papier_.2025_.pdf
Bundesinstitut für Berufsbildung (2025). Neu abgeschlossene Ausbildungsverträge. Frauen. https://www.bibb.de/de/211128.php
Deutsche Gesellschaft für Physician Assistants e. V. (DGPA). (2026). Deutsche Gesellschaft für Physician Assistants e.V. www.pa-deutschland.de/
Statistisches Bundesamt (2025). Studierende im WS 2024/2025, www.destatis.de
