rehm-verlag   Online-Produkte öffnen

Blogübersicht < Blogbeitrag

„Pick-Me-Girls“ – Zwischen der Suche nach Anerkennung und internalisiertem Sexismus

Die soziale Konstruktion von Weiblichkeit in den sozialen Medien und psychosoziale Folgen für junge Frauen.

Bettina Franzke_100x100px_rund.png
Jetzt bewerten!

Liebe Leserin, lieber Leser,

„Pick-Me-Girls“ sind junge Frauen, die sich demonstrativ von „typisch weiblichem“ Verhalten distanzieren, andere Frauen abwerten und sich an männlich konnotierten Normen orientieren – in der Hoffnung, von Männern „ausgewählt“ zu werden. Doch was auf den ersten Blick wie eine popkulturelle Zuschreibung wirkt, verweist bei näherer Betrachtung auf tief verwurzelte gesellschaftliche Geschlechterordnungen.

Der Beitrag greift Ergebnisse der Bachelorarbeit von Sarah Seifried (2025) auf und ordnet das Phänomen geschlechtertheoretisch ein.

Gleichstellung in der Praxis (GiP)

Die elektronische Zeitschrift für alle Gleichstellungs-Akteur/innen und Interessierte!

AbonnentInnen erhalten vier Mal im Jahr eine Ausgabe als pdf-Datei.

105,00 €
Zeitschrift
Gleichstellung in der Praxis (GiP)

Was sind „Pick-Me-Girls“?

„Pick-Me-Girls“ sind durch ein Muster aus Selbstinszenierung, Konkurrenzverhalten und Abwertung weiblicher Solidarität gekennzeichnet. Sie inszenieren sich häufig als „anders“ als andere Frauen. Dabei betonen sie, keine „Drama-Queens“ zu sein, keine „typischen Mädcheninteressen“ zu haben und sich besser mit Männern zu verstehen. Weibliche Solidarität wird zugunsten des Strebens nach Anerkennung aufgegeben. Rosida et al. (2022) beschreiben dieses Verhalten als Ausdruck internalisierten Sexismus.

Wichtig ist: Es handelt sich nicht um eine stabile Persönlichkeitseigenschaft. Vielmehr zeigt Seifried (2025), dass „Pick-Me“-Verhaltensweisen als Strategien sozialer Anerkennung zu verstehen sind. Junge Frauen bewegen sich in einem Kontext, in dem Weiblichkeit geringer bewertet wird als Männlichkeit. Die Abwertung anderer Frauen kann als Versuch gelesen werden, sich symbolisch einer höher bewerteten Gruppe anzunähern.

Blogger-Bild_mitNews.png

News Gleichstellungs- und Gleichbehandlungsrecht

Aktuell informiert.

Mit aktuellen Beiträgen informieren wir hier zu den aktuellen Entwicklung und bringen Sie auf den neuesten Stand.

Wie erklärt sich das Phänomen?

1. Geschlechterrollen und Stereotype

Geschlechterrollen sind sozial konstruierte Erwartungen an Verhalten und Eigenschaften (Connell, 2021). Frauen werden entlang der Dimensionen Wärme und Fürsorglichkeit verortet, Männer entlang von Kompetenz und Durchsetzungsfähigkeit (Fiske, 2018). Diese Zuschreibungen wirken nicht nur nach außen, sondern prägen auch Selbstbilder. Stereotype reduzieren Komplexität und transportieren zugleich Bewertungen (Schneider, 2004). Wenn Weiblichkeit mit Emotionalität und Abhängigkeit assoziiert wird, entsteht ein Rahmen, an dem junge Frauen und so auch „Pick-Me-Girls“ ihre Identität orientieren.

2. Soziale Identität und Internalisierung

Die soziale Identitätstheorie (Tajfel & Turner, 1979) erklärt, wie Individuen die Zugehörigkeit zu positiv bewerteten Gruppen suchen. Ist die eigene Gruppe – hier: Frauen – gesellschaftlich abgewertet, kann es zu Abgrenzungsbestrebungen kommen. Ellemers (2018) sowie Hentschel, Heilman und Peus (2019) zeigen, dass stereotype Erwartungen internalisiert werden. „Pick-Me“-Praktiken erscheinen in diesem Licht als Ausdruck verinnerlichter Geschlechternormen. Die Abwertung anderer Frauen ist dabei keine individuelle Schwäche, sondern Ergebnis gesellschaftlicher Ungleichheit.

3. Feministische und intersektionale Perspektiven

Feministische Theorien verorten das Phänomen im Kontext patriarchaler Machtverhältnisse (hooks, 2015). Nach Judith Butler (1999) wird Geschlecht durch Handlungen konstruiert, die bestehende Normen stabilisieren. „Pick-Me“-Verhaltensweisen reproduzieren genau jene Normen, von denen sie sich scheinbar distanzieren. Intersektionale Ansätze (Crenshaw, 1989) verdeutlichen zudem, dass nicht alle Frauen gleichermaßen betroffen sind. Anerkennung ist häufig an weiße und heteronormative Ideale gebunden. Das „Pick-Me-Girl“ ist somit auch ein Produkt normativer Ausschlüsse.

4. Digitale Verstärkungsräume

Soziale Medien intensivieren Vergleichs- und Bewertungsprozesse (Ward & Grower, 2020). Algorithmische Logiken belohnen polarisierende Darstellungen. Die Figur des „Pick-Me-Girl“ wird so sichtbar, kommentierbar und reproduzierbar. Sichtbarkeit ersetzt Solidarität; Anerkennung wird zur Währung.

18469-HJR-Website2023-04-RZ-Newsletter.webp

Beste Antworten.

Newsletter Gleichstellungs- und Gleichbehandlungsrecht

Der Newsletter informiert über aktuelle Entwicklungen in der Gesetzgebung, Rechtsprechung und Politik. Außerdem erhalten Sie wertvolle Hinweise auf Veranstaltungen und neue Produkten.

Psychosoziale Folgen

Kurzfristig kann Anpassung Anerkennung sichern. Langfristig sind jedoch ambivalente Effekte zu beobachten (Seifried, 2025):

  • Selbstwert und Identität: Die Distanzierung von der eigenen Geschlechtsgruppe kann verunsichern. Identität wird nicht aus Selbstbestimmung, sondern aus Abgrenzung konstruiert.

  • Beziehungsdynamiken: Konkurrenz ersetzt Solidarität. Freundschaften zu anderen Frauen können belastet sein.

  • Emotionale Ambivalenz: Die Orientierung an externer Anerkennung begünstigt Abhängigkeiten und erschwert autonome Lebensentscheidungen.

Das „Pick-Me“-Verhalten erscheint als Bewältigungsstrategie in einem widersprüchlichen Erwartungsfeld – mit potenziell langfristigen psychosozialen Risiken.

Konsequenzen für die Jugendhilfe und Soziale Arbeit

Die Soziale Arbeit steht bei der geschlechtersensiblen Förderung junger Menschen in besonderer Verantwortung (Böllert, 2018).

  1. Geschlechterreflektierte Bildungsarbeit: Geschlechterreflektierte Bildungsarbeit, reflexive Genderpädagogik und medienpädagogische Ansätze sind zentrale Instrumente, um Prozesse der Internalisierung sichtbar zu machen. Ziel ist es, stereotype Denk- und Handlungsmuster zu irritieren und alternative Rollenbilder zu eröffnen.

  2. Empowerment-Ansätze: Empowerment-Ansätze zielen darauf ab, Selbstwirksamkeit, Selbstbewusstsein und solidarische Beziehungsformen zu stärken. Mentoring-Programme und geschützte Reflexionsräume können dazu beitragen, Konkurrenzlogiken zu durchbrechen und kollektive Ressourcen sichtbar zu machen.

  3. Professionelle Selbstreflexion: Die Reflexion eigener Geschlechterbilder ist Bestandteil sozialarbeiterischer Professionalität. Fachkräfte sind aufgefordert, eigene Zuschreibungen kritisch zu hinterfragen und ihre Rolle als Mitgestaltende geschlechtlicher Ordnungen zu reflektieren.

Seifried (2025) betont, dass „Pick-Me“-Praktiken nicht moralisierend bewertet werden dürfen. Stattdessen braucht es eine machtkritische Analyse und empathische Begleitung.

Rolle von Gleichstellungsbeauftragten

Gleichstellungsbeauftragte können sich für eine Verankerung geschlechterreflektierender Sozialarbeit einsetzen, und zwar über:

  • Fortbildungen zu internalisiertem Sexismus und Geschlechterbildern in den sozialen Medien.

  • Qualitätsstandards, die geschlechterreflektierte Praxis verbindlich machen.

  • Vernetzungsarbeit zwischen Jugendhilfe, Schulen und Gleichstellungsstellen.

  • Öffentlichkeitsarbeit, die stereotype Weiblichkeitsnormen kritisch hinterfragt.

Fazit

„Pick-Me-Girls“ sind kein Randphänomen, sondern Symptom gesellschaftlicher Verhältnisse. Eine geschlechterbezogene Analyse zeigt: Es geht nicht um individuelles Fehlverhalten, sondern um die Suche nach Anerkennung in einer Gesellschaft, in der Frauen und Männer sowie Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit ungleich bewertet sind. Eine geschlechterreflektierte Soziale Arbeit kann dazu beitragen, stereotype Zuschreibungen aufzubrechen und Räume für vielfältige Identitätsentwürfe zu schaffen. Gleichstellung bedeutet, zur Befreiung von internalisierten Normen, die Selbstbilder begrenzen und Solidarität erschweren, beizutragen.

Herzlichst,
Ihre Bettina Franzke 

Literatur

Baar, R., Hartmann, J., & Kampshoff, M. (2019). Geschlechterreflektierte Professionalisierung – Geschlecht und Professionalität in pädagogischen Berufen. In R. Baar, J. Hartmann & M. Kampshoff (Hrsg.), Geschlechterreflektierte Professionalisierung – Geschlecht und Professionalität in pädagogischen Berufen (S. 31–56). Barbara Budrich.

Böllert, K. (2018). Einleitung: Kinder- und Jugendhilfe – Entwicklungen und Herausforderungen einer unübersichtlichen sozialen Infrastruktur. In K. Böllert (Hrsg.), Kompendium Kinder- und Jugendhilfe (S. 3–64). Springer.

Butler, J. (1999). Gender trouble: Feminism and the subversion of identity. Routledge.

Connell, R. (2021). Gender (4. Aufl.). Polity Press.

Crenshaw, K. (1989). Demarginalizing the intersection of race and sex: A Black feminist critique of antidiscrimination doctrine, feminist theory and antiracist politics. University of Chicago Legal Forum, 1989(1), 139–167.

Ellemers, N. (2018). Gender stereotypes. Annual Review of Psychology, 69, 275–298. https://doi.org/10.1146/annurev-psych-122216-011719

Fiske, S. T. (2018). Stereotype content: Warmth and competence endure. Current Directions in Psychological Science, 27(2), 67–73. https://doi.org/10.1177/0963721417738825

Hentschel, T., Heilman, M. E., & Peus, C. V. (2019). The multiple dimensions of gender stereotypes: A current look at men’s and women’s characterizations of others and themselves. Frontiers in Psychology, 10, Article 11. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2019.00011

hooks, b. (2015). Feminist theory: From margin to center (3. Aufl.). Routledge.

Rosida, I., Ghazali, M. M., Dedi, D., & Salsabila, F. S. (2022). The manifestation of internalized sexism in the Pick Me Girl trend on TikTok. Alphabet, 5(1), 8–19. https://doi.org/10.21776/ub.alphabet.2022.05.01.02

Schneider, D. J. (2004). The psychology of stereotyping. Guilford Press.

Seifried, S. (2025). Geschlechterrollen und Internalisierung von Stereotypen bei „Pick-Me-Girls“: Soziale Konstruktionen von Weiblichkeit und psychosoziale Folgen für junge Frauen (Unveröffentlichte Bachelorarbeit). FOM Hochschule für Oekonomie & Management.

Tajfel, H., & Turner, J. C. (1979). An integrative theory of intergroup conflict. In S. Worchel & W. G. Austin (Hrsg.), The social psychology of intergroup relations (S. 33–47). Brooks/Cole.

Ward, L. M., & Grower, P. (2020). Media and the development of gender role stereotypes. Annual Review of Developmental Psychology, 2, 177–199. https://doi.org/10.1146/annurev-devpsych-051120-010630

SX_LOGIN_LAYER