Sie erfahren, wie Geschlecht in seiner Vielfalt erfragt und gemessen werden kann.
Liebe Leserin, lieber Leser,
Warum die Frage nach Geschlecht nicht trivial ist
Geschlecht ist eine zentrale Kategorie im Beruf und Alltag. Gleichstellungsarbeit ist an Geschlechtergruppen orientiert. Geschlecht ist eine der am häufigsten verwendeten, aber auch missverständlichsten Konstrukte. Dies gilt auch für Statistiken, Befragungen und sonstige Erhebungen, mit denen Unterschiede und Benachteiligungen von Frauen gegenüber Männern sichtbar gemacht und über die Fördermaßnahmen begründet werden.
Während lange Zeit eine binäre Erfassung – weiblich oder männlich – als selbstverständlich galt, zeigen aktuelle Entwicklungen, dass diese Verkürzung der sozialen Realität vielen Menschen nicht gerecht wird. Für Gleichstellungsbeauftragte stellt sich daher die Frage: Was genau ist gemeint, wenn die Frage nach dem Geschlecht gestellt wird? Und wie lässt sich Geschlecht sowohl rechtssicher als auch diskriminierungssensibel erheben?
Geschlecht als mehrdimensionaler Gegenstand
Das Geschlecht ist ein multidimensionales Konstrukt, das unterschiedlich verstanden werden kann (Diethold, Watzlawick & Hornstein, 2023):
-
juristisch, also der rechtliche Personenstand
-
biologisch, bezogen auf körperliche Merkmale
-
psychologisch, im Sinne einer Selbstidentifikation
-
sozial, womit Zuschreibungen und Erwartungen von außen sowie darauf bezogene Erfahrungen gemeint sind.
Diese Differenzierung ist für die Gleichstellungsarbeit zentral. Diskriminierung knüpft häufig weniger am juristischen Geschlecht an als an sozialer Wahrnehmung oder an der Abweichung von geschlechtlichen Normen. Wird Geschlecht ausschließlich binär erhoben, bleiben insbesondere nicht-binäre, trans* und intergeschlechtliche Personen statistisch unsichtbar – mit der Folge, dass ihre spezifischen Diskriminierungserfahrungen nicht erkannt werden (Diethold, 2023).
Warum die Erhebung von Geschlecht politisch und sensibel ist
Die Erhebung von Geschlecht ist nie neutral. Gleichstellungsdaten können Sichtbarkeit schaffen und Grundlage für gezielte Maßnahmen sein. Gleichzeitig bergen sie Risiken: Kategorien können stigmatisieren, Daten missbraucht oder gegen die Befragten verwendet werden. Vor diesem Hintergrund haben sich in der Forschung klare Grundprinzipien etabliert, darunter Selbstidentifikation, Freiwilligkeit, Anonymität, Aufklärung und das Prinzip der Nichtschädigung (Baumann, Egenberger & Supik, 2018).
Geschlecht messen und erfragen – methodische Prinzipien
Wie Geschlecht gemessen oder erfragt wird, ist keine rein technische Frage. In der Praxis geht es in Organisationen fast immer um Selbstauskünfte, nicht um Fremdzuschreibungen. Dennoch bestehen unterschiedliche Möglichkeiten der Operationalisierung:
1. Offene Abfrage
Eine Möglichkeit ist die offene Frage, etwa: „Geschlecht: ________“. Studien zeigen, dass diese Form insbesondere bei nicht-binären, trans* und intergeschlechtlichen Personen auf hohe Akzeptanz stößt (Diethold et al., 2023). Auch viele binär verortete Personen empfinden sie nicht als problematisch. Nachteilig ist der erhöhte Auswertungsaufwand, da Antworten nachträglich kodiert werden müssen. Zudem kann ein offenes Feld vereinzelt für ironische oder ablehnende Kommentare genutzt werden.
2. Geschlossene Abfrage mit erweiterten Kategorien
Eine weitere verbreitete Variante kombiniert vorgegebene Antwortoptionen mit einem Zusatzfeld für offene Angaben (Diethold, 2023, S. 10), etwa:
Geschlecht
-
weiblich
-
männlich
-
nicht-binär
-
kein Geschlecht
-
________
-
keine Angabe
Diese Form erlaubt statistische Auswertungen und bietet zugleich Raum für Selbstbezeichnungen. In der Forschung hat sich diese Kombination als praktikabler Kompromiss erwiesen (Diethold, 2023).
3. Mehrstufige Erhebung
Wenn Geschlecht untersuchungsrelevant ist – etwa bei der Analyse von Diskriminierungserfahrungen – empfiehlt sich eine mehrstufige Erhebung. Neben der aktuellen Selbstidentifikation kann gefragt werden, welches Geschlecht einer Person bei der Geburt zugewiesen wurde oder ob sie sich als trans* oder intergeschlechtlich versteht. Wichtig ist, dass diesbezügliche Angaben freiwillig sind und verständlich erläutert werden.
Geschlecht in Mitarbeiterbefragungen: Praxisempfehlungen
Für Mitarbeiterbefragungen lassen sich aus dem Forschungsstand mehrere Empfehlungen ableiten:
-
Nutzen herstellen: Bereits in der Einleitung der Befragung sollte transparent gemacht werden, warum das Geschlecht erhoben wird und wofür die Daten genutzt werden.
-
Selbstidentifikation ermöglichen: Die Befragten sollten ihr Geschlecht selbst beschreiben können, ohne in unpassende Kategorien gezwungen zu werden.
-
Mehrfachzugehörigkeiten respektieren: Geschlecht sollte nicht isoliert betrachtet werden, sondern im Zusammenspiel mit anderen Merkmalen wie Alter, Herkunft oder Sorgeverantwortung.
-
Freiwillige Angabe: Eine Antwortoption „keine Angabe“ sollte stets gegeben sein.
-
Partizipation sichern: Die Entwicklung der Fragen sollte – wo möglich – unter Einbezug von Interessenvertretungen und Expertise aus der Zivilgesellschaft erfolgen.
Geschlecht und Diskriminierung zusammendenken
Die Erhebung von Geschlecht entfaltet ihren gleichstellungspolitischen Wert vor allem dann, wenn sie mit Fragen zu Diskriminierungserfahrungen verknüpft wird. Studien zeigen, dass Diskriminierung im Arbeitsleben häufig aufgrund des Geschlechts erfolgt und mit anderen Merkmalen verschränkt ist, etwa mit Elternschaft, Migration oder sexueller Identität (Beigang, Fetz, Kalkum & Otto, 2017; Projektgruppe „DiBu“, 2024).
Für die Praxis bedeutet dies: Es reicht nicht aus, Geschlecht nur als Strukturmerkmal zu erfassen. Ergänzend sollten Erfahrungen abgefragt werden, etwa ob Beschäftigte aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer Geschlechtsidentität benachteiligt wurden. Dabei hat es sich bewährt, eine kurze, allgemein verständliche Definition von Diskriminierung voranzustellen (Baumann et al., 2018).
Fazit: Geschlecht verantwortungsvoll erheben
Die Frage „Was ist Geschlecht?“ lässt sich nicht abschließend beantworten – wohl aber reflektiert und verantwortungsvoll stellen. Für Gleichstellungsbeauftragte liegt die Herausforderung darin, vielfältige Formen von Geschlecht in ihrer Arbeit mitzudenken. Eine sensible, selbstbestimmte und transparente Erhebung von Geschlecht ist kein Selbstzweck, sondern ein zentrales Instrument, um Ungleichheiten sichtbar zu machen und wirksame Gleichstellungsmaßnahmen zu entwickeln.
Herzlichst,
Ihre Bettina Franzke
Literatur
