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Wirtschaftliche Eigenständigkeit im Laufe des Lebens

Frauen bleiben finanziell oft hinter ihren eigenen Zielen zurück. Mit der Lebenskarte und dem Lohn-O-Mat stehen jetzt praxisnahe Instrumente bereit, um finanzielle Auswirkungen von Lebensentscheidungen frühzeitig sichtbar zu machen.

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Liebe Leserin, lieber Leser,

Wirtschaftliche Eigenständigkeit gilt für die meisten Menschen als maßgebliche Voraussetzung für ein selbstbestimmtes Leben. Wer finanziell unabhängig ist, kann persönliche Entscheidungen freier treffen, Risiken besser bewältigen und langfristig für das Alter vorsorgen. Dennoch zeigt das Forschungsprojekt „Wirtschaftliche Eigenständigkeit im Laufe des Lebens“ des Center for Responsible Research and Innovation (CeRRI) am Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) einen bemerkenswerten Widerspruch: Obwohl Frauen wirtschaftliche Eigenständigkeit als sehr wichtig bewerten, erreichen viele dieses Ziel im Lebensverlauf nicht (Fraunhofer IAO, 2026).

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Warum bleibt wirtschaftliche Eigenständigkeit für viele Frauen unerreichbar?

Die Ursachen liegen nicht in einer einzelnen Lebensentscheidung, sondern im Zusammenwirken ökonomischer Rahmenbedingungen, gesellschaftlicher Rollenerwartungen und fehlender Informationen. Frauen verdienen im Durchschnitt weniger als Männer, übernehmen einen größeren Anteil unbezahlter Sorgearbeit und reduzieren nach der Geburt von Kindern häufiger ihre Erwerbstätigkeit. Die Folgen zeigen sich langfristig: geringere Einkommen, weniger Vermögensaufbau und niedrigere Rentenansprüche (Fraunhofer IAO, 2026).

In der Regel ist die Rollenaufteilung in Familien kein Ergebnis einer informierten Entscheidung oder eines bewussten Aushandlungsprozesses. Entscheidungen über Arbeitszeit, Elternzeit oder Familienorganisation werden getroffen, ohne die langfristigen finanziellen Konsequenzen vollständig zu überblicken (Fraunhofer IAO, 2026). Insbesondere nach der Geburt des ersten Kindes entwickeln sich oftmals deutliche Einkommensunterschiede.

In den sogenannten Lebenszeit-Laboren berichteten die Teilnehmenden wiederholt, dass ihnen an entscheidenden Lebensübergängen relevantes Orientierungswissen fehlte. Viele beschrieben rückblickend, sie hätten bestimmte Entscheidungen anders getroffen, wenn ihnen die langfristigen Auswirkungen auf Einkommen, Altersvorsorge oder wirtschaftliche Unabhängigkeit bewusst gewesen wären. Gleichzeitig erschweren unzureichende Betreuungsangebote, mangelnde Flexibilität von Arbeitszeit und Arbeitsort sowie traditionelle Rollenvorstellungen die Vereinbarkeit sowie eine gleichberechtigte Verteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit.

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Die Lebenskarte als Orientierungshilfe

Aus den Projektergebnissen entstand die digitale Lebenskarte, die Menschen bei finanziell bedeutsamen Lebensentscheidungen unterstützt. Anders als klassische Finanzratgeber betrachtet sie wirtschaftliche Eigenständigkeit über den gesamten Lebensverlauf hinweg und zeigt auf, wie sich Entscheidungen langfristig finanziell auswirken.

Die Lebenskarte begleitet Menschen durch zentrale Stationen des Lebens. Dazu gehören unter anderem:

  • Ausbildung und Studium,
  • Beruf und Karriere,
  • Partnerschaft und Eheschließung,
  • Familiengründung und Vereinbarkeit,
  • Pflege von Angehörigen,
  • Trennung oder Scheidung,
  • Arbeitslosigkeit und Berufsunfähigkeit,
  • Rente und Altersvorsorge sowie
  • Übergang in den Ruhestand.

Zu jeder Station werden verständliche Informationen, weiterführende Beratungsangebote sowie digitale Werkzeuge bereitgestellt. Ziel ist es, Orientierungswissen immer genau dann bereitzustellen, wenn wichtige Entscheidungen getroffen werden müssen. Damit verfolgt die Lebenskarte einen präventiven Ansatz: Problematische Entwicklungen sollen möglichst früh verhindert werden (Fraunhofer IAO, 2026).

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Der Lohn-O-Mat: Auswirkungen von Entscheidungen sichtbar machen

Die Lebenskarte wird durch den Lohn-O-Mat ergänzt. Mit einem digitalen Rechner können Frauen – ebenso wie Paare – verschiedene Szenarien durchspielen und deren finanzielle Auswirkungen vergleichen. Berechnet werden beispielsweise die Folgen einer Stundenreduzierung, eines Jobwechsels oder einer Änderung der Steuerklasse. Dabei werden nicht nur die Folgen beim monatlichen Einkommen sichtbar, sondern auch langfristige Effekte auf Rentenansprüche. Dies verdeutlicht, welche Konsequenzen vermeintlich kleine Entscheidungen über viele Jahre hinweg haben können.

Gerade im Paarkontext kann der Lohn-O-Mat Gespräche über die Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit versachlichen. Es geht nicht nur darum, das derzeitige Haushaltseinkommen zu betrachten, sondern auch die daraus resultierenden langfristigen finanziellen Folgen für beide Partnerinnen und Partner. Das unterstützt informierte und gleichberechtigte Entscheidungen.

Bedeutung für die Gleichstellungsarbeit

Für Gleichstellungsbeauftragte bietet das Projekt zahlreiche Anknüpfungspunkte. Die Ergebnisse machen deutlich, dass ökonomische Gleichstellung weit mehr umfasst als gleiche Bezahlung. Sie betrifft sämtliche Lebensphasen und wird von vielen Entscheidungen beeinflusst, die häufig auf privater Ebene getroffen werden.

Die Lebenskarte eignet sich hervorragend als unterstützendes Instrument für die Wissensvermittlung und Beratung. Gleichstellungsbeauftragte können sie beispielsweise in Informationsveranstaltungen, Workshops oder Beratungsgesprächen einsetzen. Besonders sinnvoll erscheint die Nutzung an typischen Übergängen im Lebenslauf – etwa beim Berufseinstieg, vor der Familiengründung, während der Elternzeit oder bei Trennung und Scheidung.

Darüber hinaus können die Materialien in Kooperation mit Familienzentren, Volkshochschulen, Arbeitgebern, Jobcentern oder Bildungseinrichtungen eingesetzt werden. Auch Kampagnen zur partnerschaftlichen Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit können von den Erkenntnissen des Projekts profitieren.

Ein weiterer Mehrwert besteht darin, dass wirtschaftliche Eigenständigkeit nicht ausschließlich als privates Thema verstanden wird. Das Projekt verdeutlicht, wie eng finanzielle Selbstständigkeit mit gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verknüpft ist. Flexible Arbeitsmodelle, verlässliche Kinderbetreuung und eine gerechtere Verteilung unbezahlter Sorgearbeit sind entscheidende Voraussetzungen dafür, dass Frauen ihre wirtschaftliche Eigenständigkeit dauerhaft sichern können.

Fazit

Das Projekt „Wirtschaftliche Eigenständigkeit im Laufe des Lebens“ liefert wichtige Impulse für die Gleichstellungsarbeit. Es zeigt, dass wirtschaftliche Eigenständigkeit von den meisten Frauen angestrebt wird, dieses Ziel jedoch häufig an fehlendem Wissen und gesellschaftlichen Barrieren scheitert. Mit der Lebenskarte und dem Lohn-O-Mat stehen nun praxisnahe Instrumente zur Verfügung, die finanzielle Auswirkungen von Lebensentscheidungen verständlich machen und informierte Entscheidungen unterstützen. Für Gleichstellungsbeauftragte eröffnen sich damit neue Möglichkeiten, ökonomische Gleichstellung frühzeitig, lebensphasenorientiert und alltagsnah zu fördern.

Herzlichst,
Ihre Bettina Franzke 

Literatur

Fraunhofer IAO (2026). Wirtschaftliche Eigenständigkeit im Laufe des Lebens: Digitaler Abschlussbericht des Center for Responsible Research and Innovation. https://www.wirtschaftlich-eigenstaendig.de/

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