Gesetzestreue und Sangesfreude: Eine Weihnachtsgeschichte

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Der Beamte ist bei seinen dienstlichen Handlungen seit jeher an Recht und Gesetz gebunden. Diese Verpflichtung kommt heutzutage in § 63 Abs. 1 Satz 1 BBG und § 36 Abs. 1 BeamtStG zum Ausdruck. Manchmal treibt diese Pflicht aber auch ganz seltsame Blüten, wie die nun folgende Weihnachtsgeschichte belegt, die sich, so wie hier geschildert, tatsächlich vor einigen Jahren im bayerischen Voralpenland zugetragen hat.

Der Beamte ist bei seinen dienstlichen Handlungen seit jeher an Recht und Gesetz gebunden. Diese Verpflichtung kommt heutzutage in § 63 Abs. 1 Satz 1 BBG und § 36 Abs. 1 BeamtStG zum Ausdruck. Manchmal treibt diese Pflicht aber auch ganz seltsame Blüten, wie die nun folgende Weihnachtsgeschichte belegt, die sich, so wie hier geschildert, tatsächlich vor einigen Jahren im bayerischen Voralpenland zugetragen hat.

 

Liebe Leserinnen, liebe Leser,


die wenigen Wachtmeister, die vor fast einem halben Jahrhundert in meinem Heimatort tätig waren, konnte man getrost allesamt einer besonders pflichtbewussten Sorte von Beamten zuordnen und es spinnen sich noch heute einige Geschichten um sie, die das Leben zur damaligen Zeit doch recht anschaulich schildern. Die Anekdote, die mir dabei am besten in Erinnerung geblieben ist, handelt von zwei Originalen, die zwar beide leider schon seit langer Zeit verstorben, aber längst nicht vergessen sind, nämlich dem Dorfpolizisten Breithofer und seinem Freund, dem Brunner Bertl.1


Der Brunner Bertl und der Breithofer waren eifrige Mitglieder des Gesangsvereins und als solche trafen sie sich regelmäßig an einem Abend der Woche, um gemeinsam mit den anderen Mitgliedern im Nebenzimmer ihres Vereinslokals, dem Oberbräu, zu singen. Es gab kein öffentliches Ereignis, bei welchem die Sänger nicht gerne und ausführlich ihr Können dargebracht hätten. Man war es gewohnt, man akzeptierte es und manchmal musste man es halt einfach ertragen.


Der Breithofer war der erste Tenor der Sangesfreunde und der Brunner Bertl war seit vielen Jahren sein Stellvertreter. Stillschweigend bestand zwar bei den Sangesbrüdern Einigkeit darüber, dass von den beiden der Bertl über die weitaus gefälligere Stimme verfügte, aber zum einen war der Breithofer bereits sehr lange der erste Tenor und besaß schon alleine deshalb gewisse Rechte und Privilegien. Zum anderen war er Polizist und aus diesem Grunde eine Amts- und damit auch eine Respektsperson, der man nicht so einfach ein einmal zuerkanntes Vorrecht ungestraft entziehen konnte. Ein weiteres Argument für das Verbleiben Breithofers als erster Tenor war, dass er wohl keinem seiner Sangesbrüder das Aussprechen der Wahrheit verziehen hätte – nicht einmal seinem besten Freund, dem Brunner Bertl.


Der Breithofer sah jedenfalls keinerlei Veranlassung, ins zweite Glied zurückzutreten. Ein solcher Rücktritt wurde von den restlichen Mitgliedern des Gesangsvereins in dem Jahr, in dem diese Geschichte sich zugetragen hat, aber schon deshalb mehr als je zuvor ersehnt, weil man am Vorabend des vierten Advent turnusgemäß das berühmte „Weihnachtssingen“ auszutragen hatte.


Dieses Weihnachtssingen war eine Veranstaltung, zu der sich jedes Jahr viele der umliegenden Gesangsvereine trafen, um miteinander in feierlicher Stimmung ihrer gemeinsamen Liebe nachzugehen. Dabei wurde von einer sachkundigen Jury immer ein Verein zum Sieger erwählt. Der Gesangsverein meines Heimatortes war in den vergangenen Jahres jedoch nie über einen der hinteren Plätze hinausgekommen. Das tat der Freude am Singen keinen Abbruch, denn zum einen zählte ja der olympische Gedanke des Dabeiseins mehr als der Sieg und zum anderen schmeckte das Bier dem Ersten auch nicht besser als dem Letzten. Außerdem hatte man ja insgeheim immer eine Ausrede: den Breithofer.


Der Sängerwettbewerb stand nun wieder einmal vor der Tür. Ausrichter des Wettkampfs war in diesem Jahr ausgerechnet der Gesangsverein meines Heimatortes, was allein schon wegen der zu treffenden Vorbereitungen jede Menge Arbeit mit sich brachte. Da wollte sich unser Verein und auch kein Mitglied eine Blöße geben und jeder versuchte, die Veranstaltung des Vorjahres zu übertreffen. Auch mit der bisher üblichen Platzierung wollte man sich diesmal nicht zufrieden geben und sprach deshalb bei einem extra dazu einberufenen Stammtisch – natürlich unter Abwesenheit des Betroffenen – ernsthaft davon, den Breithofer nur für ein einziges Mal auszuschalten.


Dabei wurden seltsame Pläne geschmiedet. So meinte der zweite Bariton, es wäre wohl das Beste, den „Schandi“ vor dem großen Singen mittels Rizinusöl außer Gefecht zu setzen. Der Vorstand des Vereins hielt dieses Vorgehen allerdings für kaum zu verwirklichen. Er äußerte die Auffassung, man sollte lieber die Ehefrau des Dorfpolizisten, die Breithoferin, in die Angelegenheit einbeziehen. Diese war von durchaus beeindruckender Gestalt und zwei Köpfe größer als ihr Ehegatte und zu Hause hatte der Wachtmeister bekanntermaßen eher nicht mehr das Sagen, seit er seine Gemahlin im Herbst einmal mit einer gebührenpflichtigen Verwarnung von zwei Mark belegte, als diese mit ihrem Fahrrad ein Stoppschild an der Hauptstraße nicht beachtet hatte. Allein – beide Pläne wurden als nicht durchführbar verworfen.


Am Tag des Weihnachtssingens fuhr der Brunner Bertl, wie er das seit vielen Jahren zu tun pflegte, mit seinem Radl von der Tagschicht im Werk nach Hause. Es war Mitte Dezember und eben deshalb um diese Zeit schon ziemlich finster. Seine Mütze hatte er sich tief ins Gesicht gedrückt, die Ohrenschützer waren zum Schutz gegen den nassen Schnee heruntergeklappt und den wärmenden Schal hatte sich der Bertl weit nach oben über das Kinn gezogen. Der Schneematsch auf der Straße machte ihm schwer zu schaffen und er kam nur ganz langsam voran. Aber der Bertl hatte keine Zeit zu verschnaufen. Im Gegenteil, er hatte es sehr eilig, denn es war der Samstag vor dem vierten Advent und in einer Stunde sollte das langersehnte Weihnachtssingen stattfinden.


Als er gerade am Friedhof vorbeiradelte, hörte er plötzlich eine Stimme hinter sich:


„Anhalten!“


Er stoppte und erkannte seinen Spezl, den Breithofer, der ihm mit seinem Dienstfahrrad nachgefahren war. Beide atmeten schwer und der Bertl begrüßte seinen Freund und Sangesbruder im Hinblick auf den bevorstehenden Sängerwettbewerb ganz besonders herzlich:


„Servus Schandi! Schick‘ di, sonst kommst du zu spät zum Singen.“


„Name?“ war jedoch das Einzige, was er zur Antwort bekam.

 

„Was is‘ denn los? Hab‘ i denn was verbroch’n?“, meinte der Bertl lachend und forderte den Breithofer abermals zur Eile auf. Er bekam aber nur zu hören:


“Können Sie sich ausweisen?“, worauf der Brunner Bertl seinen Freund fragte, ob dieser wohl spinne.


„Erstens spinnt ein bayerischer Polizist nicht und zweitens fahren Sie verbotenerweise ohne Rücklicht. Aus diesem Grund müssen Sie absteigen und Ihr Fahrrad schieben“, entgegnete der Breithofer und bemühte sich dabei um sein bestes Amtsdeutsch. Das war der Breithofer sich und dem ihm nun einmal eigenen Pflichtbewusstsein schuldig. „Nur dann kann ich von einem Verwarnungsgeld absehen.“


So entspann sich bald eine hitzige Diskussion, der sich auch gleich noch einige Arbeitskameraden des Bertl anschlossen, die ebenfalls gerade auf dem Heimweg von der Schichtarbeit waren. Diese verteidigten den Bertl aufs Heftigste und bald war unser Dorfpolizist mit allen und jedem in einem Disput. Der Bertl wollte schon die allgemeine Verwirrung nutzen und sich heimlich aus dem Staub machen. Da kam ihm aber eine noch viel bessere Idee.


Der Breithofer war so in den Streit mit seinen Arbeitskollegen verwickelt, dass es dem Bertl gelang, die kaputte Glühbirne im Rücklicht seines eigenen Fahrrades herauszuschrauben und sie mit dem gut funktionierenden Lämpchen des Polizeirades auszutauschen, ohne dass der Breithofer davon etwas merkte.


Als er seinen kleinen Schwindel beendet hatte, mischte der Bertl sich wieder in den Streit ein und sagte, er könne sich gar nicht vorstellen, dass gerade sein Fahrrad nicht in Ordnung sei, wo er es doch erst vor wenigen Tagen beim Teufelberger Peter, dem Inhaber des einzigen ortsansässigen Fahrradgeschäftes, zur Reparatur gegeben habe. Vielleicht sei das Rücklicht ja auch nur kurz ausgefallen und würde jetzt wieder funktionieren. Die Kollegen forderten den bedrängten Wachtmeister auf, den Bertl doch einfach den Beweis für sein Vorbringen antreten zu lassen.


Dagegen konnte der Breithofer beim besten Willen nichts einwenden und er erlaubte also eine kurze Fahrt, aber nur „aus Gründen der endgültigen Beweisführung“.


Also fuhr der Bertl ein paar Meter mit seinem Rad und tatsächlich: Das Rücklicht leuchtete im hellsten Rot!


Der Breithofer konnte das nicht fassen. Jetzt musste er wohl oder übel Gnade vor Recht ergehen und den Bertl nach Hause fahren lassen. Als aber der Breithofer unter dem Gelächter der Kollegen mit seinem Dienstrad wegfahren wollte, da rief ihm der Bertl plötzlich nach: „Du Breithofer! Was ist denn jetzt des? Mich haltst du auf, aber i glaub´, dass dein eignes Rücklicht ja gar nicht brennt!“


Der Breithofer hielt an und die Arbeitskameraden gingen zu ihm.  


„Lass´ mich einmal fahr´n, dann wirst des gleich seh´n!“


Zuerst dachte der Breithofer noch an einen Scherz, aber dann packte ihn doch das Pflichtgefühl des ordentlichen bayerischen Polizeibeamten und er stieg von seinem Fahrrad ab. Der Bertl schwang sich auf das Rad, fuhr los und tatsächlich: Der Breithofer musste erkennen, dass das Rücklicht seines eigenen Dienstfahrrades nicht funktionierte.


Jetzt musste der pflichtbewusste Dorfpolizist sein Fahrrad also unter dem schallenden Gelächter aller Anwesenden den ganzen weiten Weg bis nach Hause schieben. Welche Schande!


Am Abend traf der Bertl gerade noch pünktlich zum Sängerwettstreit in der Vereinsgaststätte ein. Da aber der Breithofer am anderen Ende des Ortes wohnte, musste er sein Dienstfahrrad einen so weiten Weg schieben, dass ein rechtzeitiges Erscheinen bei seinen Sangesbrüdern völlig ausgeschlossen war. Man musste aus diesem Grunde also ´leider´ auf die Dienste des etatmäßigen ersten Tenors verzichten. Das war die große Chance für die restlichen Sänger.


Man erzählt sich aber noch heute, dass der Gesangsverein meines Heimatortes bei dem Wettstreit damals auch nicht besser abgeschnitten habe, als in den Jahren davor. Der Grund dafür soll gewesen sein, dass der Bertl als Vertreter des leider verhinderten ersten Tenors Breithofer während des Vortrages den nötigen Ernst nicht wahren konnte und immer wieder lachen musste, was die Jury dem Chor dann doch eher negativ anrechnete. Aber das Bier schmeckte auch an diesem Abend den Verlierern genauso gut wie den Gewinnern. Und das war und ist doch wohl die Hauptsache!


Für den Breithofer war das schlechte Abschneiden seiner Sangesbrüder sogar eine große Genugtuung nach der erlittenen Schmach mit seinem Dienstfahrrad. An ihm konnte es also nicht gelegen haben, wenn man bisher beim Weihnachtssingen nicht über einen der hinteren Plätze hinausgekommen war. Die Rangordnung war jedenfalls wieder hergestellt und sowohl die Mitglieder des Gesangsvereins als auch dessen Zuhörer hatten noch so manches Mal unter den Sangeskünsten ihres ersten Tenors zu leiden.

Ich wünsche Ihnen allen mit dieser kleinen Geschichte aus meiner Heimat ein gesegnetes und fröhliches Weihnachtsfest!

Ihr
Dr. Maximilian Baßlsperger

Der nächste Beitrag in dieser Reihe erscheint am 7.1.2013

 

 


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