Wilhelm Busch und die Bayerische Kommunalwahl

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Am 15.3.2020 ist es wieder soweit: Die bayerischen Kommunalwahlen finden statt. Dabei werden unsere Bürgermeister und Landräte als Kommunale Wahlbeamte und die Vertreter im Stadt- und Gemeinderat für sechs Jahre von uns Bürgern bestimmt. Was steckt aber hinter den großzügigen Gaben, die während dieses Wahlkampfes von den Kandidaten verteilt werden? Da könnte ein Gedicht des Dichters Wilhelm Busch einen ersten Anhaltspunkt für unsere – natürlich auch etwas satirischen – Überlegungen liefern.

Liebe Leserin, lieber Leser,

alle sechs Jahre finden bekanntlich in Bayern Kommunalwahlen statt. Und das ist viel zu selten,denn man bekommt Präsente von den potenziellen Volksvertretern ja immer nur dann, wenn sie von uns gewählt werden möchten. Warum aber sind die Kandidaten so erpicht darauf, in den Stadt- oder Gemeinderat einzuziehen? Das folgende Gedicht von Wilhelm Busch könnte hier bei der Antwort den Einstieg erleichtern. Es ist in dem Band „Kritik des Herzens“ erschienen und lautet (etwas modernisiert) wie folgt:

„Wirklich, er war unentbehrlich!
Überall, wo was geschah,
Zu dem Wohle der Gemeinde,
Er war tätig, er war da!

Volksfest und auch Faschingsbälle,
Fahrradrennen, Preisgericht,
Liedertafel, Spritzenprobe,
Ohne ihn, da ging es nicht.

Ohne ihn war nichts zu machen,
Keine Stunde hatt' er frei,
Gestern, als sie ihn begruben,
War er wirklich auch dabei!“


Wilhelm Busch spricht in seinem Gedicht einen Typ Mensch an, den wir alle bestens kennen. In Bayern wird dieser Typ allgemein als „G´schaftlhuber(in)“ – „G´schaftlgruber(in)“ – „G´schaftlmaier(in)“ oder einfach als „G´schaftler“ und „Adabei“ bezeichnet. Im Norden Deutschlands kennt man dafür die Bezeichnung „Hans Dampf in allen Gassen“.

Starten wir also den Versuch, zu klären, warum wir alle sechs Jahre wieder so überaus freundlich von den Gemeinde- oder Stadträten in spe behandelt werden. Analysieren wir doch einmal gemeinsam, warum wir von einem Kandidaten plötzlich aufs Herzlichste gegrüßt werden – obwohl er uns sechs Jahre lang keines Blickes gewürdigt hatte. Überlegen wir doch einmal, warum wir gerade jetzt mit Luftballons, Kugelschreibern, Wurstsemmeln, Kalendern, Brezen sowie alkoholischen und anderen Getränken usw. usw. aufs Beste verwöhnt werden. Lassen Sie uns also einfach einmal – wie schon erwähnt – nicht ganz ohne jede Satire aber durchaus dialektisch bei einer möglichen Antwort auf diese Fragen vorgehen, wobei natürlich jede Ähnlichkeit mit tatsächlich vorhandenen Kandidaten bei den folgenden Ausführungen dem puren Zufall angelastet werden müsste!

Einerseits:
Frustrierte Hausfrauen und gelangweilte Rentner haben während des Wahlkampfes die Chance, der üblichen Monotonie ihres Lebens zumindest für eine gewisse Zeit zu entfliehen und bei so manchem verurteilten Straftäter dienen Wahlkampf und Gemeinderatsmandat in hohem Maße der Resozialisierung. (Siehe dazu den schon vor sechs Jahren erschienenen Beitrag: Kommunalwahlen sind viel zu selten!)

Und dann erst noch das schier unglaubliche Renommee, das man durch die Abbildung auf Werbeplakaten und erst recht im Falle eines Wahlerfolges bei Verwandten, Nachbarn, Freunden und Feinden erzielt, so in etwa nach dem Motto: „Ich bin schließlich nicht irgendwer! Ich bin der dritte Bürgermeister!“ – Respekt!

Hauptsache also: „G´schaftln“!

Andererseits:
Auf der Übernahme von Ehrenämtern und Aufgaben in Vereinen und sozialen Einrichtungen wie Rotes Kreuz, Feuerwehr und in zahlreichen anderen Bereichen durch engagierte Mitbürger gründen sich ganz wesentliche, überaus wichtige Teile unseres Zusammenlebens. Unsere Gesellschaft – und damit jeder von uns – braucht Menschen, die sich für uns alle in das öffentliche Leben engagiert einbringen – und so ist es auch beim Stadt- oder Gemeinderat.

Einerseits:
„G´schaftler“ erkennt man bei einer Kommunalwahl in der Regel daran, dass sie ihre politischen Ziele bei Facebook, in anderen sozialen Medien und auf gedruckten Wahlprogrammen vornehmlich mit Allgemeinfloskeln wie „Bürgernähe“, „Transparenz“, „Soziale Kompetenz“, „Förderung der Vereine und des Gewerbes“ usw. usw. beschreiben, also mit Werten, die für jedermann und damit auch für jeden Kandidaten selbstverständlich sein sollten.

Andererseits:
Auf den Bildungsgrad, die soziale Stellung und den Intelligenzquotienten des einzelnen Kandidaten soll und darf es bei unserer Stimmvergabe ja gerade nicht ankommen.

Einerseits:
Wer „ehrenamtlich“ fürdie Gemeinschaft tätig ist, dem muss jede Menge Lob und Anerkennung und nicht etwa Kritik, Häme oder Unverständnis zuteilwerden, denn er ist wirklich „aller Ehren wert“. Und das gilt natürlich auch für die Übernahme eines Mandats im Stadt- oder Gemeinderat.

Andererseits:
Nicht alles geschieht bei Kommunalwahlen wohl so ganz ohne Eigennutz. So mancher Kandidat erwartet sich bei einem erfolgreichen Wahlausgang – zumindest auch – spezielle persönliche Vorteile, wie Aufwandsentschädigungen für die Übernahme von gemeindlichen Ämtern, eine bezahlte Nebentätigkeit für ein städtisches Unternehmen (Aufsichtsrat beim Stromversorgungsbetrieb etc.), die Vermietung leer stehender oder sonstiger Räumlichkeiten an die stets solvente Kommune, Aufträge für den von ihm oder seiner Firma angebotenen Dienstleistungen oder einen Wissensvorsprung oder einen sonstigen Vorteil bei seinen Immobiliengeschäften.

Einerseits:
Soweit das alles – zumindest auch – der Allgemeinheit zugutekommt, ist es ja durchaus in Ordnung und wie erwähnt: Lob und Anerkennung grundsätzlich jedem, der sich als Kandidat für unseren Stadt- oder Gemeinderat nominieren lässt.

Andererseits:
Die erstrebte Übernahme eines Amtes muss sich für so manchen Kandidaten „unter dem Strich“ einfach auch lohnen! Und da kandidierte man schon vor sechs Jahren zum Gemeinderat und jetzt – sogar für eine ganz andere Partei – wieder zum Bürgermeister oder Gemeinderat – je nachdem, wo einem gerade das beste Pöstchen in Aussicht gestellt wird! Es soll sogar Fälle geben, bei denen ein Bewerber zwischendurch auch noch für eine dritte politische Gruppierung zum Bezirks- oder Landtag gewählt werden wollte. Und man kandidiert natürlich auch noch für den örtlichen und überörtlichen Personal- oder Betriebsrat und für den Vorstand in dem einen Verein und als Kassenprüfer für den anderen und… und… und…

Handelt es sich hierbei etwa um ein „G´schaftln“ aufgrund eines völlig übertriebenen, vielleicht schon ans Krankhafte oder zumindest Lächerliche grenzenden Geltungs- und Selbstdarstellungsbedürfnisses

Nein! Natürlich ausschließlich um das verantwortungsbewusste und selbstlose, ja geradezu aufopferungsvolle Handeln für die Allgemeinheit – also für uns!

Einerseits:
Entscheidungen werden in kommunalen Kollegialorganen oft parteiübergreifend oder sogar einstimmig getroffen.

Andererseits:
Warum ist man sich nicht über alle Parteigrenzen hinweg darüber einig, dass man das viele Geld, das man für Plakate und Inserate, Geschenke, Veranstaltungen etc. etc. im Wahlkampf vergeudet, einmal parteiübergreifend für soziale Zwecke verwendet?

Fazit:
Es „menschelt“ halt immer und überall und das ganz besonders bei der Kommunalwahl – und das „G´schafftln“ gehört da eben ganz offensichtlich dazu.

Vielleicht sollten wir uns aber doch dazu entschließen, nicht immer denjenigen zu wählen, den man vielleicht gerade auch wegen seiner G´schaftelei sympathisch findet, sondern jemanden, von dem man überzeugt ist, er (sie) könnte die Interessen der Gemeinde am besten vertreten.

PS:
Auch in sechs Jahren – dann bei der Kommunalwahl 2026 – wird sich vermutlich nichts, aber auch gar nichts ändern und der Kugelschreiber, den ich auch heuer wieder von einem der Kandidaten „geschenkt“ bekommen habe, wird seinen Geist spätestens nach dem Wahltag (15. März) wohl sicher wieder aufgeben – aber in sechs Jahren bekomme ich ja ganz bestimmt einen neuen!


Ihr

Dr. Maximilian Baßlsperger


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3 Kommentare zu diesem Beitrag
kommentiert am 09.03.2020 um 17:46:
Auch ich habe mich trefflich über den Beitrag amüsiert! Aber leider steckt hinter dem Ganzen ja überwiegend Wahres! Das gilt nicht zuletzt bei der Einstimmigkeit, die sich wohl jeder Wähler für eine wesentlich bessere Verwendung der Wahlkampfgelder wünscht!
kommentiert am 09.03.2020 um 12:16:
Es "menschelt" natürlich auch in Franken! Vielen Dank für den überaus amüsanten Beitrag!
kommentiert am 09.03.2020 um 08:49:
Herrlich! Da geht die Woche schon gut und humorvoll los!
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