Alle Jahre wieder: Weihnachtsfeier in der Behörde

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Ob in der Kantine oder im Büro: Alle Jahre wieder erfreuen sich die Angehörigen des öffentlichen Dienstes an den diversen behördeninternen Weihnachtsfeiern. Diese laufen in der Regel immer nach demselben Schema ab. Ansprache des Chefs und des Personalrats - gemeinsames Essen - Glühwein – Plätzchen – evtl. Geschenke - Gedichte – später dann mehr oder weniger geistreiche Witze etc. etc.. Ab und zu lassen sich aber auch Beamte einmal etwas Neues einfallen. So geschehen bei einer Weihnachtsfeier des Jahres 2011 in einer staatlichen Bildungseinrichtung, von der ich nun berichten möchte.1

 

Liebe Leserinnen, liebe Leser,


bei einem „Wichtel“ handelt es sich bekanntlich um eine nordische Sagengestalt, die vorwiegend Gutes tut. Diese Gestalten helfen dem Christkind, dem Weihnachtsmann – je nachdem an wen man gerade glaubt – bei der Auswahl und beim Transport der Geschenke und auf diese fleißigen Helfer geht der vorweihnachtliche Brauch des „Wichtelns“ zurück. Dieses Gesellschaftsspiel scheint sich gerade bei behördlichen Weihnachtsfeiern einer geradezu  immerwährenden Beliebtheit zu erfreuen.


Für all diejenigen Leser, die das „Wichteln“ nicht kennen, hier eine kurze Einweisung: Durch ein geheimes, meist durch die Vorzimmerprinzessin des Chefs überwachtes Losverfahren zieht jeder Beschäftigte den Namen eines Kollegen, den er dann später bei der Weihnachtsfeier anonym beschenkt. Jeder muss also einem ihm bekannten Kollegen ein Geschenk machen und jeder erhält dafür im Gegenzug ein Geschenk eines anderen, ihm nicht bekannten Kollegen. So läuft also auch in zahlreichen Behörden das lustige und äußerst beliebte Wichteln ab – jedes Jahr – immer wieder…


Dieses „Wichteln“ hat dabei durchaus Vor- aber auch Nachteile:


Der Nachteil des Brauches besteht darin, dass man so gut wie nie etwas erhält, was man entweder gerne hätte oder zumindest irgendwann einmal brauchen könnte. So habe ich in den vergangenen Jahren u.a. eine CD von Margot und Maria Hellwig und ein Paar selbst gestrickte, aber leider viel zu kleine Socken geschenkt bekommen.


Ein wesentlicher Vorteil des „Wichtelns“ wird dagegen allgemein darin gesehen, dass der anonyme Schenker eines besonders „hintergründigen“ Geschenkes mangels Kenntnis seiner Person nicht  zur Rechenschaft gezogen werden kann.


Da die Erfahrung also zeigt, dass man in der Regel nur sinnlose Geschenke erhält, die man anschließend entweder gleich entsorgt oder aber zum Weiterschenken für das „Wichteln“ im nächsten Jahr aufbewahrt, hatte der Leiter der o. g. Bildungseinrichtung in weiser Voraussicht bereits im Herbst dieses Jahres speziell aus diesem Grund zu einer mehrstündigen Besprechung einberufen. Jeder sollte seine Meinung zu der ja bereits in einigen Monaten anstehenden Weihnachtsfeier äußern. Die Diskussion wurde dann auch vehement geführt. Mein Vorschlag war, dass sich doch eine Flasche Wein sehr gut als Wichtelgeschenk eignen würde. Dies hätte insofern einen enormen Vorteil, als man sein Geschenk im Rahmen der Feier dann auch gleich bestens nutzen könnte. Man müsste sich einfach nur gegenseitig sofort die Geschenke probieren lassen. Da sich dann mit Sicherheit keiner eine Blöße geben würde, wäre auch gleichzeitig ein gewisser Mindeststandard bei den Geschenken gesichert. Trotz einiger Sympathiekundgebungen wurde dieser Vorschlag allerdings von der Mehrheit der Anwesenden abgelehnt. Der verständliche Grund war, dass eine Kollegin eindringlich auf die möglichen Folgen einer Verkehrskontrolle hingewiesen hatte.  


Der Dienststellenleiter hatte dann für die diesjährige Weihnachtsfeier vorgeschlagen, man solle sich heuer ausschließlich Bücher schenken. Er hielt das für eine geradezu revolutionäre Idee! Jeder lese gerne eine gute Lektüre und ein Buch werfe man auch nicht so einfach weg. Außerdem hätten Bücher in aller Regel einen „tieferen Sinn“ und seien schon deswegen für das „Wichteln“ geradezu ideal. Auf den Einwand einer als besonders sparsam bekannten Kollegin, man habe vor etwa 9 Jahren beschlossen, dass der Höchstbetrag für Weihnachtsgeschenke im Kollegenkreis aus Gründen der Gleichbehandlung 10 Euro nicht übersteigen dürfe, entgegnete der Chef, man könne ja jederzeit gebrauchte Bücher günstig im Antiquariat oder bei Amazon im Internet erstehen. Da der „Vorschlag“ des Chefs im öffentlichen Dienst bekanntlich „Gesetz“ ist und deshalb nur aus Remonstrationsgründen abgelehnt werden kann2, wurde dieser Vorschlag auch gleich ohne Gegenstimme angenommen.


Endlich war es dann also soweit! Der Tag der Weihnachtsfeier war gekommen. Zunächst hielt der Chef eine von ihm als spontan bezeichnete Rede, wobei allerdings jeder wusste, dass er seine Ansprache seit mehreren Wochen hinter verschlossener Bürotür vorbereitet hatte. Das ist aber verständlich, denn schon Winston Churchill sagte angeblich: „Nichts kostet mich mehr Vorbereitung, als eine spontane, kurze Rede.“


Anschließend brachte man sich mit dem Verzehr von Leberkäse, Hackfleischbällchen und tischfertig erhältlichem Kartoffelsalat und mit einigen Litern eines im Sozialraum erhitzten Glühweins (Aldi, 1 Liter für 0,99 €) sowie mit mehreren im Pappkarton servierten und ebenfalls bei Aldi gekauften Plätzchen in eine entsprechende vorweihnachtliche Stimmung und schließlich kam es zum unbestrittenen alljährlichen Höhepunkt der Feier – zum „Wichteln“. Die Vorzimmerprinzessin verteilte die Geschenke...


Als Erster war Georg Großkopf an der Reihe. Jemand hatte ihm das Buch: „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ von Thomas Mann geschenkt (Welt-Edition, 9, 95 €). Der „tiefere Sinn“ des Geschenkes war natürlich allen klar: Großkopf hatte es als Beamter des gehobenen Dienstes gewagt, sich dieses Jahr ein deutsches Auto der gehobenen Mittelklasse zuzulegen. Ein Sakrileg! Solche Autos fahren allenfalls Beamte des höheren Dienstes, die in einem Ministerium tätig sind und die sich das wegen der nur noch in Bayern als einzigem Bundesland bezahlten Ministerialzulage von 12,5 Prozent des Grundgehalts ohne Gefährdung ihrer wirtschaftlichen Existenz ja leisten können. Auch wenn das Auto des Georg G. gebraucht gekauft wurde – so etwas gehört sich nicht! Ein Kleinwagen oder allenfalls untere Mittelklasse, und dann Toyota – Hyundai – Mazda – Renault oder Skoda, das hätte man ja verstanden! Aber obere Mittelklasse – und dann auch noch ein deutsches Fabrikat? Da war der „Felix Krull“ ja nun wirklich das richtige, „tiefsinnige“ Geschenk!


Die Nächste war Regierungsrätin Birgit Spielberger. Sie freute sich sehr über das Buch „Der geschenkte Gaul“ von Hildegard Knef (Ullstein Verlag, 8.95 €). Frau Spielberger hatte erst vor kurzem den Aufstieg in den höheren Dienst durch mehrere richtige Antworten beim einzig dafür vorgeschriebenen Prüfungsgespräch geschafft.3 Unabhängig davon hatte sie ihren beruflichen Erfolg aber auch sonst wirklich verdient. Einer Aufstiegsbeamtin würdig, unterrichtete sie seit Jahren die Fächer Betriebswirtschaftslehre, Volkswirtschaftslehre, Soziologie, Stressmanagement, Bürgerfreundliche Verwaltung, Rhetorik I und II, sowie SGB I durchgehend bis SGB XII und sie zeigte auch vor juristischen Fächern wie Verfassungs-, Verwaltungs- und Strafrecht keinerlei Scheu. Für diese „omnipotente  Universalspezialistin“ wäre wohl auch das Buch „Hans Dampf in allen Gassen“ von Heinrich Zschokke  (Verlag: directmedia publishing, 9,90 €) bestens geeignet gewesen.


Nun durfte Kollege Gustav Glanz sein Geschenk öffnen. Es erhielt eine gebundene Ausgabe des Buches „Kalle Blomquist Meisterdetektiv“ von Astrid Lindgren (Dressler Verlag, 2007, 5,99 €). Auch der Hintergrund dieses Geschenkes war klar: Gustav Glanz hatte während der schriftlichen Prüfung eine von einem Prüfling verwendete und mit einer Zeichnung des Matterhorns versehene Gesetzessammlung als unzulässiges Prüfungshilfsmittel konfisziert, weil diese Zeichnung seiner Meinung nach ja ein heimlich verborgenes und damit unzulässiges Prüfungsschema enthalten hätte können.4


Warum allerdings die Kollegin Gerda Kraus das Buch „Feuchtgebiete“ von Charlotte Roche (Verlag Dumont, 8,70 € als „Sammlerstück“ bei Amazon) geschenkt bekam, entzog sich zunächst dem allgemeinen Verständnis. Da hätte doch wohl der Band „Natürlich abnehmen mit Schüßler-Salzen: Stoffwechselblockaden lösen – dauerhaft schlank bleiben – Mit Rezepten und Wellness“ von Maria Lehmann (Verlag Knaur, 9,89 €) wesentlich besser zu ihr gepasst. Aber schließlich fand mein Tischnachbar Ludwig Wimmer des Rätsels Lösung: Gerda hat die Angewohnheit, während des Unterrichts planlos durch die Reihen zu wandern. Dies stößt besonders wegen ihrer „feuchten Aussprache“ allgemein auf wenig Gegenliebe. Das leuchtete ein. Mir war aber auch klar: Der W. hatte ihr das Buch selbst geschenkt – natürlich nicht ohne es vorher mindestens zwei Mal selbst gelesen zu haben!


Der Ludwig Wimmer wiederum hatte seit vielen Jahren einen A 15-Dienstposten besetzt. Er ist schwerbehindert und kündigte nunmehr schon seit einigen Jahren immer wieder einmal seinen Antrag auf vorzeitige Versetzung in den Ruhestand an. Allein: Er hatte diesen Antrag bisher immer  noch nicht gestellt. Sobald seine Planstelle einmal frei werden würde, könnte der nach dem neuen, speziell auf ihn zugeschnittenen Lehrplan gar nicht mehr weg zu denkende Psychologe Jürgen Jäger endlich nachrücken und nach einer mehrjährigen Wartezeit zum Direktor ernannt werden. Wohl genau aus diesem Grund bekam der Wimmer das Buch „Hunde wollt ihr ewig leben“ von Fritz Wöss überreicht (Paul Szonay Verlag, antiquarisch bei Amazon erhältlich für 7,77 €). Von wem er wohl das Buch bekommen hat, darüber wurde im Kollegenkreis anschließend nur ganz kurz und mit nicht ganz offenem Ausgang gerätselt.


Psychologe Jürgen Jäger wiederum brauchte keine längeren Nachforschungen darüber anzustellen, warum gerade er das „Rätselbuch des völlig unnützen Wissens“ von Kim Havenith und Gabriele Woschech geschenkt bekommen hatte (MVG-Verlag, 2,10 €, gebraucht bei booklooker im Internet).


Bekanntlich nehmen aber nicht nur die Lehrer, sondern auch die Verwaltungsbeamten an der behördeninternen Weihnachtsfeier teil. Allerdings beschränkt sich deren Anwesenheit in aller Regel auf die letzte Möglichkeit, durch geschicktes Stempeln eine maximale Gutschrift bei der Gleitzeit zu erlangen.


Der für die Reisekostenabrechnung zuständige Sachbearbeiter Fritz L. erhielt jedenfalls als Geschenk „Das große Buch vom Geiz“ von Rainer Nitsche (Transit Verlag, 9,95 €). Der Fritz erkannte Reisekosten seit jeher nur für die fiktive, kürzeste Verbindung zwischen der Dienststelle und dem Bestimmungsort an. Er wich selbst dann nicht von seinem Grundsatz ab, wenn man dafür einen viele Kilometer langen und mehrstündigen Umweg in Kauf nehmen musste. Außerdem weigerte er sich seit Jahren beharrlich „triftige Gründe“ für die Benutzung des eigenen Kraftfahrzeugs zu befürworten, sogar wenn man bei einer Dienstreise tonnenweise dienstliches Material als Gepäck  mit sich schleppen musste.


Schließlich kam der Chef selbst an die Reihe. Die Spannung wuchs. Langsam und mit Bedacht öffnete er das Geschenk, faltete das Weihnachtspapier so, dass er es einer späteren Wiederverwendung im Familienkreis zuführen konnte und entnahm schließlich das Buch „Hilfe eine Rede droht!“ von Franz Ruchti (Kindle-Edition, für 4,99 € als Mängelexemplar erhältlich bei Globus in Mühldorf am Inn).


Die daraufhin kurzfristig als leidlich gequält zu bezeichnende Stimmung wurde aber dann schnell wieder durch die gemeinsame, zügellose Einnahme von wie durch Zauberhand herbeigeschaffter Getränke und das Erzählen stets derselben bewährten Geschichten und Witze auf den bei behördlichen Weihnachtsfeiern alle Jahre wieder üblichen, bekannt hohen Level gebracht – und Verkehrskontrollen wurden jetzt auch nicht mehr befürchtet. Man konnte ja gegebenenfalls auch auf öffentliche Verkehrsmittel ausweichen.


Ob wir uns nächstes Jahr beim „Wichteln“ wieder nur Bücher schenken sollen, darüber hat sich der Chef im Laufe der Feier noch nicht endgültig geäußert…

In diesem Sinne:


Ein Frohes Weihnachtsfest


Herzlich,

 

Ihr
Dr. Maximilian Baßlsperger

 

 


PS: Warum gerade ich das Buch „König Alkohol“ von Jack London (dtv-Verlag, 7,90 €) geschenkt bekam, das ist mir bis heute völlig schleierhaft.

Der nächste Beitrag in dieser Reihe erscheint nach den Weihnachtsferien am 9. Januar 2012.

 


 

1 Natürlich handelt es sich hierbei um einen rein satirischen Beitrag. Jede Ähnlichkeit mit wirklich stattgefundenen Weihnachtsfeiern und lebenden Personen wäre deshalb rein zufällig und völlig unbeabsichtigt!

2 Vgl. dazu "Loveparade": Remonstration der Beamten wurde nicht ernst genommen

3 Dazu werden folgende Beitrag empfohlen: „Lothar Matthäus wird Ministerialrat in Bayern“ und „Jetzt doch Miniprüfung beim Modularen Aufstieg in Bayern“

4 Siehe den Beitrag: „Das Matterhorn als unzulässiges Prüfungshilfsmittel“

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1 Kommentar zu diesem Beitrag
kommentiert am 22.12.2011 um 00:00:

Lieber Herr Dr. Baßlsperger,

ich kenne das Übel des Wichtelns nur zu gut.

Umso mehr habe ich mich über Ihre erfrischende Erzählung amüsiert. Wirklich... Schoko-Toblerone!

Das Buch meines Vorredners (Die Leber wächst mit ihren Aufgaben) kann ich übrigens wärmstens empfehlen.

Fröhliche Weihnachten und einen guten Rutsch aus Franken!

Jennifer Hartmann (2014E)

p.s. Schöne Grüße auch von Holger Glatter, der mangels Internetzugang leider selbst keinen Kommentar verfassen kann.

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